Was mir ein Arzt erzählte

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Justinus Kerner: Was mir ein Arzt erzählte Titel entspricht 1. Vers(1824)

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Was mir ein Arzt erzählte
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Von einem Traume bang,
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Ich euch zum Lied erwählte,
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Hört freundlich den Gesang!

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Er sprach: »Ich denk' mit Schauern
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Stets an den tollen Traum: –
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In eines Kirchhofs Mauern
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Saß ich an einem Baum.

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Kein goldner Vollmond schiffte
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Durchs stille Rebental,
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Es zuckte durch die Lüfte
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Entfernter Blitze Strahl.

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Ich aber saß bekommen,
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Als drohte noch was mehr,
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Sprach: ›Wie bin ich gekommen
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Um Mitternacht hieher?‹

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Ich seufzte und ich grollte,
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Da hör' ich dumpfen Schall,
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Als ob die Erd' entrollte
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Den Grabeshügeln all.

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Der Mond aus Wolkenbergen
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Auf einmal strahlend bricht,
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Da seh' ich, wie aus Särgen
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Steigt Leich' an Leiche dicht.

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Die lenken ihre Schritte
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Gerade auf mich zu,
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Ich aber rief: ›Ich bitte,
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Ihr Toten! kehrt zur Ruh'!‹

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Schnell will ich mich erheben,
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Gebannt blieb ich am Baum,
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Die Leichen zu mir schweben. –
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O nie vergeßner Traum!

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Die erste wie im Grimme
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Hebt auf die schwarze Hand
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Und spricht mit heller Stimme:
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›mein Tod war heißer Brand.

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Du aber hast gestecket
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Moschus in mich hinein,
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Die Glut noch mehr gewecket,
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Der Tod half mir allein.‹

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Drauf mit den Knochenhänden
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Die zweite weist aufs Herz
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Und spricht: ›So mußt' ich enden,
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Hier innen saß mein Schmerz.

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Du aber gabst mir Pillen
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Und Tränke für die Brust,
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Mein Leiden hat zu stillen
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Allein der Tod gewußt.‹

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Die dritte kommt geschritten
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Und streckt mir hin ihr Bein:
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›hättst du dies abgeschnitten,
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Würd' ich noch lebend sein.

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Doch du auf meine Klagen
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Sprachst: Jod und Lebertran
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Heilt dich in wenig Tagen, –
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Der Tod nur hat's getan.‹

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Die vierte mit dem Kopfe
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Stets nickte hin und her:
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›wie war mir armen Tropfe
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Im Leben der so schwer!

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Hättst Wasser mir gegeben
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Statt China immerdar,
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So wär' ich noch am Leben, –
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Der Tod mein Helfer war.‹

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Jetzt kommt die fünfte Leiche
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An Krücken zu auf mich.
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Ich kenne sie, rief: ›Weiche!
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Die Erde decke dich!

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Fort! fort! sie deck' euch alle,
70
Ihr Toten! fort vom Licht!‹
71
Da ruft's mit grellem Schalle:
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›arzt! mit dir ins Gericht!‹

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Nun kommt der Tod gegangen!
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Die Leichen singen: ›Tod!
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Mit Kränzen sei umfangen,
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Du Retter aus der Not!

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Du Arzt, der aufgefunden
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Den Balsam Grabesruh';
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Du bandest unsre Wunden
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Sanft mit dem Sargtuch zu.‹

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Und jetzt an mir vorüber
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Schwebt Tod und Leichenchor;
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Schnell wird der Himmel trüber,
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Das Mondlicht sich verlor.

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Zum Baum, wo meine Stätte,
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Ein Blitzstrahl niederkracht,
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Davon bin ich im Bette
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Vom tollen Traum erwacht.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Justinus Kerner
(17861862)

* 18.09.1786 in Ludwigsburg, † 21.02.1862 in Weinsberg

männlich, geb. Kerner

deutscher Dichter, Arzt und medizinischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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