Der Geist in der Neujahrsnacht

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Johann Peter Hebel: Der Geist in der Neujahrsnacht (1793)

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Tochter, such e Strumpf, und stopfen do hinten ins Fenster,
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wo hüt 's Büebli mittem Stecke d'Schibe verheit het.
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Gschicht ich im neue Johr kei größer Unglück, as das isch,
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chönneter z'friede si. Doch weiht's mer so frostig im Äcke,
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und i bi die letzti Nacht e wengeli z'jung gsi
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für mi Alter, doch mit Zucht, und eimol isch keimol.
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Will me Geister erblicken und heimligi Sachen erfahre,
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mueß me, wenn's Zwölfi schlacht, nit in de Federe liege.
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Nu mer hen is verspötet mit allerhand fründlige Gspröche
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z'Heiterschen an der Stroß, und Uhr und Zeiger isch gstande;
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d'Uhr het im alte Johr no welle ne wengeli Frist lo,
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oder hani's verhört. – »Guet Nacht, ihr Nochbere«, sagi,
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»mi Weg wird am witschte si go Chrotzige«, sagi,
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»gebis Gott e glücklich Johr und freudigi Sinne!«
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»das geb Gott der Her«, so sage die andre, »und schick di,
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sust trappiert di der Geist no näumen, eb de deheim bisch,
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wo mit sim Chind im Arm am lezte Dezember an d'Stroß stoht.
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d'Postknecht wisse's alli, und rite lieber im Feldweg.«
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's isch so cho, und zmitts im Dorf, und woni ums Eck gang,
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nebe 's Xaveris Huus, bim Bluest! do stoht er am Brunne,
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groß bis fast ans Dach und inneme duftige Mantel,
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gwoben us Wulken und Liecht, und mitteme Bendel im Chnopfloch,
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und het in den Armen und halber im Mantel verborge
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wunderschön e Büebli gha mit fründligen Auge,
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chüßt's und lächlet's a us sinen ernstlige Miene,
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wie us nächtligem Gwülch der Vollmond lieblig in d'Welt luegt.
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»siehsch mi nit, so tuesch mer nüt«, – so denki und weih mi
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mit em heilige Chrütz, und stell mi hinter de Brunnstock,
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und will lose, was er seit, und wienerem zuspricht.
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Wenig hani z'erst verstande; 's Wasser het bruuschet
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us de Röhren in Trog und us em Brunntrog ins Gräbli.
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»chilchhof« – hani verstande, und – »Nüt darf ewige Bstand ha.«
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Und – »Jez gohsch in d'Welt mit dine Schmerzen und Freude.
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Teil sie verständig us, und was ich nümme cha schlichte,
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bring zum gueten End. Sie hen e freudige Herbst gha.
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Trinkt ein z'viel, und sizt er lang im nächtlige Wirtshuus,
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gang, und bietem heim und führ en, aß er kei Bei bricht!
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Nimm di der Armet a, und sorg mer für Witwen und Waise,
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mach mer die Chranke gsund. – Die brave Saldate han ich no
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mit Trumpeten und Pauken und Ehrechränzen ins Land gfüehrt.
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Loß du Freuden und Tanz und Öpfelchüchli nit fehle,
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wenn sie im Urlaub sin deheim bi Vater und Muetter.
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Seig kei Fabelhans, und denk nit, wil e Kosmetstern
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duftig am Himmel hangt, se müeßisch Feldzug und Schlachte,
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Hungersnot und Sterbet bringe, Zetter und Elend.
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Siehsch mi Ehrestern? Siehsch nit mi Bändel im Chnopfloch?
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Roserot isch Freud, und Grüen isch liebligi Hoffnig.
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Gang, verdien der au so ein mit dine Merite,
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und schmück Jung und Alt mit frumme Sitten und Tate!«
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Drüber schnurrt's im Turn in alle Räder am Schlagwerk,
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und wie's Zwölfi schlacht, so stellt er's Büebli an Bode,
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wie der Engel so schön, und wie der Morge so lieblig,
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und seit: »Das walt Gott! Jez gang uf eigene Füeße!
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Gib mer frei wohl Acht zum güetige Fürste in Karlsrueh,
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zu de Friburger Here, und zu de Landen im Brisgau,
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aß sie kei Leid erfahren, und bringene Freuden und Gsundheit!«
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Süeß, wie Sunneblick, het's Büebli glächelt und Jo! gseit.
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Aber mittem lezte Schlag im luftige Chilchturn
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goht er in große Schritte 's Dorf us, und gegenem Rhi zue,
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alliwil gschwinder und größer, und alliwil bleicher und dünner,
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wie ne Nebelduft am Feldberg oder am Belche.
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Und wie nootno in der Mitternacht d'Glocke verbrummt het,
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het si der Duft verzogen, und isch vergangen und weg gsi.
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Chunnsch bald mittem Strumpf? 's zieht alliwil schärfer und chüeler.
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Wenni lang verzehl, stohsch lang do ummen und gohsch nit.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Peter Hebel
(17601826)

* 10.05.1760 in Geburtshaus Johann Peter Hebel, † 22.09.1826 in Schwetzingen

männlich, geb. Hebel

deutscher Dichter, evangelischer Theologe und Pädagoge

(Aus: Wikidata.org)

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