Der Rhein

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Friedrich Hölderlin: Der Rhein (1826)

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Im dunkeln Epheu saß ich, an der Pforte
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Des Waldes, eben, da der goldene Mittag
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Den Quell besuchend, herunterkam
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Von Treppen des Alpengebir'gs,
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Das mir die göttlichgebaute,
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Die Burg der Himmlischen heißt
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Nach alter Meinung, wo aber
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Geheim noch Manches entschieden
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Zu Menschen gelanget; von da
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Vernahm ich ohne Vermuthen
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Ein Schicksal, denn noch kaum
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War mir im warmen Schatten
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Sich Manches beredend, die Seele
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Italia zugeschweift
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Und an die Küsten Morea's.

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Jetzt aber, drinn im Gebirg,
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Tief unter den silbernen Gipfeln,
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Und unter fröhlichem Grün,
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Wo die Wälder schauernd zu ihm
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Und der Felsen Häupter übereinander
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Hinabschaun, taglang, dort
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Im kältesten Abgrund hört'
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Ich um Erlösung jammern
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Den Jüngling, es hörten ihn, wie er tobt',
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Und die Mutter Erd' anklagt',
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Und den Donnerer, der ihn gezeuget,
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Erbarmend die Eltern, doch
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Die Sterblichen flohn von dem Ort,
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Denn furchtbar war, da lichtlos er
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In den Fesseln sich wälzte,
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Das Rasen des Halbgotts.

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Die Stimme war's des edelsten der Ströme,
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Des freigeborenen Rheins,
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Und Anderes hoffte der, als droben von den
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Brüdern,
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Dem Tessin und dem Rhodanus,
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Er schied und wandern wollt', und ungeduldig ihn
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Nach Asia trieb die königliche Seele.
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Doch unverständig ist
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Das Wünschen vor dem Schicksal.
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Die Blindesten aber
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Sind Göttersöhne, denn es kennet der Mensch
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Sein Haus und dem Thier ward, wo
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Es bauen solle, doch jenen ist
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Der Fehl, daß sie nicht wissen wohin?
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In die unerfahrne Seele gegeben.

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Ein Räthsel ist Reinentsprungenes. Auch
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Der Gesang kaum darf es enthüllen. Denn
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Wie du anfiengst, wirst du bleiben,
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So viel auch wirket die Noth
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Und die Zucht, das Meiste nemlich
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Vermag die Geburt
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Und der Lichtstral, der
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Dem Neugebornen begegnet.
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Wo aber ist Einer,
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Um frei zu bleiben
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Sein Leben lang und des Herzens Wunsch
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Allein zu erfüllen, so
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Aus himmlischgünstigen Höh'n
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Und so aus reinestem Schooße
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Glücklich geboren, wie jener.
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Drum ist ein Jauchzen sein Wort.
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Nicht liebt er, wie andere Kinder
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In Wickelbanden zu weinen;
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Und wenn, wo die Ufer sich ihm
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An die Seite schleichen, die krummen,
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Und durstig umwindend ihn,
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Den Unbedachten, zu ziehn
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Und wohl zu behüten begehren
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Im eignen Schlunde, lachend,
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Zerreißt er die Schlangen und stürzt
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Mit der Beut', und wenn in der Eil'
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Ein Größerer ihn nicht zähmt,
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Ihn wachsen läßt, wie der Blitz muß er
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Die Erde spalten, und wie Bezauberte fliehn
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Die Wälder ihm nach und zusammensinkend die
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Berge.

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Ein Gott will aber sparen den Söhnen
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Das eilende Leben und lächelt,
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Wenn unenthaltsam, aber gehemmt
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Von heiligen Alpen, ihm
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In der Tiefe, wie jener, zürnen die Ströme.
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In solcher Esse wird dann
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Auch alles Lautre geschmiedet
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Und schön ist's, wie er drauf,
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Nachdem er die Berge verlassen,
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Stillwandelnd sich im deutschen Lande
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Begnüget und das Sehnen stillt
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Im guten Geschäfte, wenn er das Land baut,
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Der Vater Rhein, und liebe Kinder nährt
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In Städten, die er gegründet.

(Hölderlin, Friedrich: Gedichte. Stuttgart u. a., 1826.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Friedrich Hölderlin
(17701843)

* 20.03.1770 in Lauffen am Neckar, † 07.06.1843 in Tübingen

männlich, geb. Q114498136

deutscher Lyriker (1770-1843)

(Aus: Wikidata.org)

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