An den Aether

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Friedrich Hölderlin: An den Aether (1826)

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Treu und freundlich, wie du, erzog der Götter
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und Menschen
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Keiner, o Vater Aether! mich auf; noch ehe die
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Mutter
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In die Arme mich nahm und ihre Brüste mich
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tränkten,
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Faßtest du zärtlich mich an, und gossest himmli-
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schen Trank mir,
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Mir den heiligen Odem zuerst in den keimenden
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Busen.

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Nicht von irdischer Kost gedeihen einzig die Wesen,
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Aber du nährest sie all' mit deinem Nektar, o
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Vater!
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Und es drängt sich und rinnt aus deiner ewigen
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Fülle
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Die beseelende Luft durch alle Röhren des Lebens.
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Darum lieben die Wesen dich auch und ringen und
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streben
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Unaufhörlich hinauf nach dir in freudigem Wachs-
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thum.
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Himmlischer! sucht nicht dich mit ihren Augen die
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Pflanze,
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Streckt nach dir die schüchternen Arme der niedrige
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Strauch nicht?
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Daß er dich finde, zerbricht der gefangene Same
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die Hülse;
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Daß er belebt von dir in deiner Welle sich bade,
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Schüttelt der Wald den Schnee, wie ein überlästig
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Gewand ab.
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Auch die Fische kommen herauf und hüpfen ver-
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langend
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Ueber die glänzende Fläche des Stroms, als be-
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gehrten auch diese
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Aus der Wiege zu dir; auch den edeln Thieren
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der Erde
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Wird zum Fluge der Schritt, wenn oft das ge-
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waltige Sehnen,
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Die geheime Liebe zu dir sie ergreift, sie hinauf-
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zieht.
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Stolz verachtet den Boden das Roß, wie gebogener
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Stahl strebt
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In die Höhe sein Hals, mit der Hufe berührt
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es den Sand kaum.
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Wie zum Scherze, berührt der Fuß der Hirsche
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den Grashalm.
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Hüpft, wie ein Zephyr, über den Bach der reißend
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hinabschäumt,
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Hin und wieder schweift, kaum sichtbar durch die
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Gebüsche.
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Aber des Aethers Lieblinge, sie, die glücklichen Vögel
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Wohnen und spielen vergnügt in der ewigen Halle
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des Vaters!
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Raums genug ist für alle. Der Pfad ist keinem
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bezeichnet,
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Und es regen sich frei im Hause die Großen und
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Kleinen.
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Ueber dem Haupt frohlocken sie mir und es sehnt
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sich auch mein Herz
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Wunderbar zu ihnen hinauf; wie die freundliche
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Heimath
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Winkt es von oben herab und auf die Gipfel der
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Alpen
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Möcht' ich wandern und rufen von da dem eilenden
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Adler,
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Daß er, wie einst in die Arme des Zeus den se-
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ligen Knaben,
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Aus der Gefangenschaft in des Aethers Halle mich
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trage.
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Thöricht treiben wir uns umher; wie die irrende
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Rebe,
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Wenn ihr der Stab gebricht, woran zum Himmel
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sie aufwächst,
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Breiten wir über den Boden uns aus und suchen
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und wandern
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Durch die Zonen der Erd', o Vater Aether! ver-
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gebens,
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Denn es treibt uns die Lust in deinen Gärten zu
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wohnen.
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In die Meeresfluth werfen wir uns, in den freie-
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ren Ebenen
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Uns zu sättigen, und es umspielt die unendliche
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Woge
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Unsern Kiel, es freut sich das Herz an den Kräf-
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ten des Meergotts.
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Dennoch genügt ihm nicht! denn der tiefere Ocean
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reitzt uns,
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Wo die leichtere Welle sich regt — o wer dort an
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jene
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Goldnen Küsten das wandernde Schiff zu treiben
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vermöchte!
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Aber indeß ich hinauf in die dämmernde Ferne
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mich sehne,
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Wo du fremde Gestad umfängst mit bläulicher Woge,
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Kömmst du säuselnd herab von des Fruchtbaums
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blühenden Wipfeln,
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Vater Aether! und sänftigest selbst das strebende
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Herz mir,
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Und ich lebe nun gern, wie zuvor, mit den Blu-
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men der Erde.

(Hölderlin, Friedrich: Gedichte. Stuttgart u. a., 1826.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Friedrich Hölderlin
(17701843)

* 20.03.1770 in Lauffen am Neckar, † 07.06.1843 in Tübingen

männlich, geb. Q114498136

deutscher Lyriker (1770-1843)

(Aus: Wikidata.org)

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