An Hiller

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Friedrich Hölderlin: An Hiller (1826)

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Du lebtest, Freund! — Wer nicht die
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köstliche
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Reliquie des Paradieses, nicht
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Der Liebe goldne königliche Frucht,
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Wie Du, auf seinem Lebenswege brach,
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Wem nie im Kreise freier Jünglinge
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In süßem Ernst der Freundschaft trunkne Zähre
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Hinab ins Blut der heil'gen Rebe rann,
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Wer nicht, wie Du, aus dem begeisternden
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Dem ewigvollen Becher der Natur
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Sich Muth und Kraft, und Lieb' und Freude trank,
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Der lebte nie, und wenn sich ein Jahrhundert,
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Wie eine Last, auf seiner Schulter häuft. —
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Du lebtest, Freund! es blüht nur wenigen
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Des Lebens Morgen, wie er Dir geblüht;
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Du fandest Herzen, Dir an Einfalt, Dir
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An edelm Stolze gleich; es sproßten Dir
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Viel schöne Blüthen der Geselligkeit;
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Auch adelte die innigere Lust,
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Die Tochter weiser Einsamkeit, Dein Herz;
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Für jeden Reitz der Hügel und der Thale,
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Für jede Grazien des Frühlings ward
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Ein offnes unumwölktes Auge Dir.

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Dich, Glücklicher, umfieng die Riesentochter
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Der schaffenden Natur, Helvetia;
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Wo frei und stark, der alte, stolze Rhein
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Vom Fels hinunter donnert, standest Du,
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Und jubeltest ins herrliche Getümmel.
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Wo Fels und Wald ein holdes zauberisches
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Arkadien umschließt, wo himmelhoch Gebirg,
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Deß tausendjähr'gen Scheitel ew'ger Schnee,
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Wie Silberhaar des Greisen Stirne, kränzt,
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Umschwebt von Wetterwolken und von Adlern,
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Sich unabsehbar in die Ferne dehnt,
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Wo
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Der unentweihten freundlichen Natur
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Im Schoose schläft, und manches Helden Staub
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Vom leisen Abendwind emporgeweht,
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Des Sennen sorgenfreies Dach umwallt,
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Dort fühltest Du, was groß und göttlich ist,
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Von seligen Entwürfen glühte Dir
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Von tausend goldnen Träumen Deine Brust;
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Und als Du nun vom lieben heilgen Lande
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Der Einfalt und der freien Künste schiedst,
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Da wölkte freilich sich die Stirne Dir,
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Doch schuf Dir bald mit deinem Zauberstabe
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Manch selig Stündchen die Erinnerung.

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Wohl ernster schlägt sie nun, die Scheidestunde;
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Denn ach! sie mahnt die unerbittliche,
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Daß unser liebstes welkt, daß ew'ge Jugend
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Nur drüben im Elysium gedeiht;
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Sie wirft uns auseinander, Herzensfreund!
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Wie Mast und Segel vom zerriss'nen Schiffe
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Im wilden Ocean der Sturm zerstreut.
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Vielleicht indeß uns andre nah und ferne
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Der unerforschten Pepromene Wink
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Durch Steppen oder Paradiese führt,
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Fliegst du der jungen seligeren Welt
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Auf Deiner Philadelphier Gestaden
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Voll frohen Muths im fernen Meere zu;
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Vielleicht, daß auch ein süßes Zauberband
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Ans abgelebte feste Land Dich fesselt!
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Denn traun! ein Räthsel ist des Menschen Herz!
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Oft flammt der Wunsch, unendlich fortzuwandern,
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Unwiderstehlich herrlich in uns auf;
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Oft däucht uns auch im engbeschränkten Kreise
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Ein Freund, ein Hüttchen, und ein liebes Weib
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Zu aller Wünsche Sättigung genug. —
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Doch werfe, wie sie will, die Scheidestunde
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Die Herzen, die sich lieben, auseinander!
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Es scheuet ja der Freundschaft heil'ger Fels
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Die träge Zeit, und auch die Ferne nicht.
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Wir kennen uns, Du Theurer! — Lebe wohl!

(Hölderlin, Friedrich: Gedichte. Stuttgart u. a., 1826.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Friedrich Hölderlin
(17701843)

* 20.03.1770 in Lauffen am Neckar, † 07.06.1843 in Tübingen

männlich, geb. Q114498136

deutscher Lyriker (1770-1843)

(Aus: Wikidata.org)

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