Die Schweden in Rippoldsau

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Joseph Viktor von Scheffel: Die Schweden in Rippoldsau (1856)

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Vor zweihundert Jahren – Wem ist's nicht bekannt? –
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Ertobte der Krieg im deutschen Land,
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Die Schweden und die vom Wallenstein
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Schlugen einander die Schädel ein,
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Und dauerte über dreißig Jahr,
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Bis die Schlachtenfurie verbrauset war.

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Doch das friedliche Rippoldsauer Tal
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Blieb verschont von des Krieges Gewitterstrahl,
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Und mancher, dem kranken Leib zum Frommen
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Ist Heilung suchend zur Quelle gekommen.
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Man lebte damals schier so wie jetzt,
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Man hat sich mit mancherlei Kurzweil ergötzt,
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Ein trefflicher Badwirt sorgte wie heut
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Für gute Herberg' und Schnabelweid.
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Man schlürfte die Quelle und sprach nur wenig
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Von Papst und Kaiser und Schwedenkönig.
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Die Alten tranken und rauchten Tabak,
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Die Jungen fanden am Ballspiel Geschmack,
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Die Damen in Reifrock und hoher Krause
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Scherzten und lachten beim Mittagsschmause,
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Und abends tanzte man zierlich und nett
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Auch ein steif graziöses Menuett.

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Die Badmusik war in vorzüglichen Händen,
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Sechs Mann mit verschiedenen Instrumenten
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Spielten rüstig und unverdrossen drauf los,
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Und war schier jeder ein Virtuos.
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Da begab sich's im dreiundvierziger Jahr,
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Daß Herr Johann Petzold Baßgeiger war,
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Der hing eines Abends im Monat August
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Seine Geig' auf den Rücken mit großer Lust,
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Und stieg auf die Holzwälder Höhe empor,
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Um unbelauscht von der Badgäste Ohr
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Ein neues Adagio einzustudieren,
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Womit er am Sonntag wollt' exzellieren.
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Denn für des Brummbasses dröhnend Walten
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Ist's besser, einsame Proben zu halten;
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Die Baßgeige lieben viele Personen,
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Mögen doch nicht neben dem Baßgeiger wohnen.

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Drum kam Herr Petzold mit Cello und Bogen
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Hinauf in den luftigen Tannwald gezogen,
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Und schaute weit in die Lande hinein
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Bis zum Straßburger Münster am glitzernden Rhein,
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Er suchte ein schattiges Plätzlein im Moose
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Bei Farrnkraut und duftiger Weidenrose;
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Hell klang in die Waldesstille und froh
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Sein funkelneues Adagio.

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Doch wie's so recht voll in den Saiten rauschte,
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Da spitzt' er auf einmal die Ohren und lauschte;
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»zum Teufel, was hör' ich, was hat sich gerührt?
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Ich werd' aus der Ferne akkompagniert!
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Trom trom! trom trom! trari, trara!
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Nun hilf uns, heilige Cäcilia!«
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Herr Petzold hatte in früheren Tagen
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Bei Pappenheims Reitern die Pauke geschlagen;
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Seit der Lützner Affäre kannt' er den Ton:
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»so trommt und trompetet der Torstenson!
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Trom trom! trom trom! trari, trara!
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O heil'ge Cäcilie, der Schwed' ist da!«

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Herr Petzold hat keine Silb' mehr gesprochen;
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Aufsprang er, wie von der Tarantel gestochen,
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Und schultert die Baßgeig' und sah nicht mehr um,
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Vergaß selbst sein gelb Kolophonium,
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Ließ Noten zurück und Sacktuch und Kapp'
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Und sprang wie besessen den Tannwald hinab.
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»gut' Nacht, Adagio und Bademusik!
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Gut' Nacht, der Petzold kommt nimmer zurück!«

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Im Bad indes hatte niemand Kunde,
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Was Herr Petzold erlauscht in jener Stunde,
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Es kamen, wie sonst, die Herren und Damen
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Im Speisesaal zum Souper zusammen.
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Der Expeditor bracht' an Paket und Brief,
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Was mit der Wolfacher Post einlief.
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Auch von Freiburg der alte Herr Kreispräsident
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Erhielt ein gesiegelt Pergament,
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Und man bemerkte, daß etwas blaß
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Seine Züge wurden, als er es las;
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Es scheint, auch in dieser Epistola
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Stand was von trom trom und trari trara!
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Denn er flüsterte Frau und Tochter was zu
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Und rief auch plötzlich den Badwirt herzu
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Und sprach: »Ich verreise früh morgen um vier,
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Besorgen Sie schnell einen Wagen mir!«
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Und wiewohl kopfschüttelnd der Badwirt sprach:
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»sie haben bestellt ja für dreißig Tag'
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Die Wohnung und sind erst seit heut im Quartier«,
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Erwidert' er: »Dennoch verreis' ich von hier!«

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Des andern Morgens früh um vier Uhr
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Er mit Extrapost von dannen fuhr.
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Auch der Herr von Questenberg von Wien
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Nicht mehr, wie sonst, an der Quelle erschien.
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Er nahm trotz seinem seidenen Rock,
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In derselben Kutsche Platz auf dem Bock.

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Um acht Uhr saß alles wie sonst beim Kaffee
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Im Hof und unter der Lindenallee,
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Doch die Musik schlich traurig heran,
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Statt sechsen waren's nur fünf Mann,
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Und was sie spielten, war inkomplett,
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Daß schier man sie ausgepfiffen hätt'.
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Drum zu den Gästen mit klagender Miene
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Sprach entschuldigend die erste Violine:
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»wir sind ruiniert, ein verstimmter Akkord:
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Die Baßgeig' mitsamt dem Petzold ist fort!«

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Da wurde viel geschwatzt und gesprochen,
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Ob Freund Petzold wohl seinen Hals gebrochen,
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Oder ob, als leichtfertiger Musikant
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Er ohne Abschied von dannen gerannt;
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Die Menschheit ist stets geneigt zum Bösen,
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Man machte viel boshafte Hypothesen:
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Er hab', als Verliebter, im Schatten der Nacht
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Einer Wälderin ein Baßgeigenständchen gebracht,
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Oder liege, von süßem Weine trunken,
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Wohl in jammervolle Träume versunken.
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Nur der Flötist sprach mit edlem Mut:
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»der Petzold ist klug und weiß, was er tut!«

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Und wieder nahte die Mittagsstunde
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Und saßen die Gäste in fröhlicher Runde,
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Die Schüsseln dampften – nur auf der Tribüne
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Dacht' die Musik mit betrübter Miene:
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»bald kommt der Braten, o schlimmes Signal,
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Heut spielen wir nur zu unserer Qual,
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Wir sind ruiniert, ein verstimmter Akkord,
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Die Baßgeig' mitsamt dem Petzold ist fort!«

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Der Braten kam, schon schwirrten die Geigen,
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Da flog durch den Saal ein bedeutungsvoll Schweigen,
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Die Fenster klirren – o bittres Dessert!
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Ein Kanonenschuß vom Kniebis her!
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Noch einer – piff, paff! – 's ist nimmer geheuer,
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O Gott, Geschütz- und Musketenfeuer!
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Und zwischen hinein: trom trom, trara!
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Behüt' uns Gott vor

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Wie wenn der Blitz in ein Taubenhaus schlägt,
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Schwirrt alles verstört und bewegt und erregt ...
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Dort fällt ein Stuhl – hier zerbricht ein Teller,
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Dort verschüttet einer den Muskateller,
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Die Damen schluchzen, die Kinder schrei'n, –
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Und spricht zur lockigen Nachbarin:
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»ich lieb' Euch! laßt uns zusammen fliehn!«
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Für diesmal bleib' ich die Zeche schuldig!«
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»ein Königreich für einen Omnibus!
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Auf, auf! helft, helft! schon hört man ganz nah
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Trom trom, trom trom, – trari, trara!«

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O Rippoldsau, du stilles Tal,
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Wie warst du verwandelt mit
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Seit der Sündflut hat, in verworrener Flucht,
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Keine Gesellschaft so das Weite gesucht.
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Hier trug ein Herr auf erhobenem Arm
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Eine ohnmächtige Dame durch den Schwarm,
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Hier galoppte ein Reiter die Straße hinab,
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Dort entfernte ein Hausknecht zu Fuß sich im Trab,
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Ja, ein verspäteter Unglückssohn
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Ritt auf dem Haushund Sultan davon.

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Eine halbe Stunde – und still und stumm
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Lag Badhaus und Quelle und alles ringsum,
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Nur auf der Galerie der Musik
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Blieb ein einzig menschliches Wesen zurück.
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Es war der Flötist, er stieg fröhlich und munter
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In den menschenverlassenen Saal herunter
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Und sprach: »Wozu das unnütze Rennen!
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's ist Zeit genug noch, um durchzubrennen,
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Doch ein Laufen mit Durst und mit leerem Magen
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Das kann kein Flötenspieler vertragen.«
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Er setzte sich an den verlassenen Tisch
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Und tat sich noch gütlich mit Braten und Fisch,
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An Biskuit und Mandeln, am ganzen Dessert,
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Als ob kein Schwed' in der Nähe wär'...

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Auch steckt' er gelassen in seine Taschen
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Zwei unversehrte Affentaler Flaschen,
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Bis daß auf fünfzig Schritte nah
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Es von neuem klang: »Trari, trara!
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Trom trom, trom trom, trom trom, hurrra!
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Der Schwed' ist da, – der Schwed' ist da!«
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Da griff er ruhig zu Flöte und Hut;
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»ich sagt's ja, der Petzold weiß, was er tut.
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Jetzt noch ein Glas Wein und das letzte Stück Kuchen,
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... Dann will auch ich den Petzold suchen!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Joseph Victor von Scheffel
(18261886)

* 16.02.1826 in Karlsruhe, † 09.04.1886 in Karlsruhe

männlich, geb. Scheffel

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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