Emilie an Klara

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Friedrich Hölderlin: Emilie an Klara (1826)

1
Nun muß ich lächeln über alles Schlimme,
2
Was ich die vor'ge Nacht geträumt; und hab'
3
Ich dir es gar geschrieben? Anders bin
4
Ich itzt gesinnt.

5
Er kam, und mir frohlokte
6
Das Herz, wie er herab die Straße ging,
7
Und mir das Volk den fremden Herrlichen
8
Bestaunt'! und lobend über ihn geheim
9
Die Nachbarn sich besprachen, und er jetzt
10
Den Knaben, der an ihm vorüberging,
11
Nach meinem Hause fragt'! ich sahe nicht
12
Hinaus, ich konnt', an meinem Tische sitzend,
13
Ihn ohne Scheue sehn — wie red' ich viel?
14
Und da er nun herauf die Treppe kam,
15
Und ich die Tritte hört' und seine Thüre
16
Mein Vater öffnete, sie draußen sich
17
Stillschweigend grüßten, daß ich nicht
18
Ein Wort vernehmen konnt', ich Unvernünft'ge,
19
Wie ward mir bange wieder? Und sie blieben
20
Nicht kurze Zeit allein im andern Zimmer,
21
Daß ich es länger nicht erdulden konnt',
22
Und dacht': ich könnte wohl den Vater fragen
23
Um dieß und jenes, was ich wissen mußte.
24
Dann hätt' ichs wohl gesehn in ihren Augen,
25
Wie mir es werden sollte. Doch ich kam
26
Bis an die Schwelle nur, gieng lieber doch
27
In meinen Garten, wo die Pflanzen sonst,
28
In andrer Zeit, die Stunde mir gekürzt.

29
Und fröhlich glänzten, von des Morgens Thau
30
Gesättiget, im frischen Lichte sie
31
Ins Auge mir, wie liebend sich das Kind
32
An die betrübte Mutter drängt, so waren
33
Die Blumen und die Blüthen um mich rings,
34
Und schöne Pforten wölbten über mir
35
Die Bäume.

36
Doch ich konnt' es jetzt nicht achten,
37
Nur ernster ward und schwerer nur, und bänger
38
Das Herz mir Armen immer, und ich sollte
39
Wie eine Dienerinn von ferne lauschen,
40
Ob sie vielleicht mich riefen, diese Männer!
41
Ich wollte nun auch nimmer um mich sehn,
42
Und barg in meiner Laube mich und weinte,
43
Und hielt die Hände vor das Auge mir.

44
Da hört' ich sanft des Vaters Stimme nah,
45
Und lächelnd traten, da ich noch die Thränen
46
Mir trocknete, die beyden in die Laube:
47
„hast du dich so geängstiget, mein Kind!
48
„und zürnst du, sprach der Vater, daß ich erst
49
„für mich den edlen Gast behalten wollt'?
50
„ihn hast du nun. Er mag die Zürnende
51
„mit mir versöhnen, wenn ich Unrecht that.“

52
So sprach er; und wir reichten alle drey
53
Die Händ' einander, und der Vater sah
54
Mit stiller Freud' uns an. —

55
„ein Trefflicher
56
„ist dein geworden, Tochter! sprach er jetzt,
57
„und dein, o Sohn! dieß heiligliebend Weib.
58
„ein freudig Wunder, daß die alten Augen
59
„mir übergehen, seyd ihr mir, und blüht,
60
„wie eine seltne Blume mir, ihr Beyden!

61
„denn nicht gelingt es immerhin den Menschen,
62
„das Ihrige zu finden. Großes Glück
63
„zu tragen und zu opfern giebt der Gott
64
„den Einen, weniger gegeben ist
65
„den Andern; aber hoffend leben sie.

66
„zwey Genien geleiten auf und ab
67
„uns Lebende, die Hoffnung und der Dank.
68
„mit Einsamen und Armen wandelt jene,
69
„die Immerwache; dieser führt aus Wonne
70
„die Glücklichen des Weges freundlich weiter,
71
„vor bösem Schiksal sie bewahrend. Oft,
72
„wenn er entfloh, erheben sich zu sehr
73
„die Freudigen, und rächend traf sie bald
74
„das ungebetne Weh.

75
„doch gerne theilt
76
„das freie Herz von seinen Freuden aus,
77
„der Sonne gleich, die liebend ihre Stralen
78
„an ihrem Tag' aus goldner Fülle giebt;
79
„und um die Guten dämmert oft und glänzt
80
„ein Kreis von Licht und Luft, so lang sie leben.

81
„o Frühling meiner Kinder, blühe nun
82
„und altre nicht zu bald, und reife schön!“

83
So sprach der gute Vater. Vieles wollt'
84
Er wohl noch sagen, denn die Seele war
85
Ihm aufgegangen; aber Worte fehlten ihm.

86
Er gab ihn mir und segnet' uns und gieng
87
Hinweg.

88
Ihr Himmelslüfte, die ihr oft
89
Mich tröstend angeweht, nun athmetet
90
Ihr heiligend um unser goldnes Glück!

91
Wie anders wars, wie anders, da mit ihm,
92
Dem Liebenden, dem Freudigen, ich jetzt,
93
Ich Freudige, zu unsrer Mutter auf,
94
Zur schönen Sonne sah! nun dämmert es
95
Im Auge nicht, wie sonst im sehnenden,
96
Nun grüßt' ich helle dich, du stolzes Licht!
97
Und lächelnd weiltest du, und kamst und schmücktest
98
Den Lieben mir, und kränztest ihm mit Rosen
99
Die Schläfe, Freundliches!

100
Und meine Bäume,
101
Sie streuten auch ein hold Geschenk herab,
102
Zu meinem Fest, vom Ueberfluß der Blüthen!

103
Da ging ich sonst; ach! zu den Pflanzen flüchtet'
104
Ich oft mein Herz, bey ihnen weilt' ich oft,
105
Und hing an ihnen; dennoch ruht' ich nie,
106
Und meine Seele war nicht gegenwärtig.

107
Wie eine Quelle, wenn die jugendliche
108
Dem heimathlichen Berge nun entwich,
109
Die Pfade bebend sucht, und flieht und zögert,
110
Und durch die Wiesen irrt und bleiben möcht',
111
Und sehnend, hoffend immer doch enteilt.
112
So war ich; aber liebend hat der stolze,
113
Der schöne Strom die flüchtige genommen,
114
Und ruhig wall' ich nun, wohin der sichre
115
Mich bringen will, hinab am heitern Ufer.

(Hölderlin, Friedrich: Gedichte. Stuttgart u. a., 1826.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Friedrich Hölderlin
(17701843)

* 20.03.1770 in Lauffen am Neckar, † 07.06.1843 in Tübingen

männlich, geb. Q114498136

deutscher Lyriker (1770-1843)

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.