Der Wasgenstein

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Joseph Viktor von Scheffel: Der Wasgenstein (1856)

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Wer kennt im deutschen Grenzbezirke
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Des Weidmanns Lust, den Wasgauwald,
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Der einst den Völkern im Gebirge
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Gleich einer Gottheit heilig galt?
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Hei Jagdhornruf und Hundebellen!
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Wie zog's mit Hall und Schall zur Pirsch,
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Als noch an kressereichen Quellen
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Sich stolz geäst der Edelhirsch.

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Wo sind die Jäger, die einst lachten,
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Wenn jener stritt im Brautturnier,
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Daß die Gehörne weithin krachten?
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... Still geht der Lenz heut durchs Revier ...
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Ein Pfad biegt von des Maimont Gipfeln
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In ein elsassisch Waldtal ein,
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Und braunrot starrt aus grünen Wipfeln
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Der Doppelklotz des

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Wie ein vermoostes Waldgeheimnis
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Ruht das geborstne Riesenhaus
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In Schutt und schweigender Verträumnis
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Von dunkler Vorzeit Rätseln aus.
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Wer schuf den Plan zu solchem Werke?
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Wer drang zuerst am Fels empor?
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... Erdmänner höhlten ihn und Zwerge,
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Giganten türmten Turm und Tor.

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An diesen senkrecht steilen Rändern
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Braucht's sichern Tritt und mannlich Herz.
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Weh allen Krinolingewändern!...
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Der Blick verstürzt sich abgrundwärts.
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Gäh schwebt der Aufstieg und verwittert,
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Und schwer ist's, am Geländer gehn;
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Wer keuchend in den Knien zittert,
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Tut besser, es gemalt zu sehn.

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Auf fünfzig mürben Sandsteinstufen
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Erklommen wir den Gipfel stramm
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Und grüßten laut mit Willkommrufen
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Des Himmels Blau vom schmalen Kamm.
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Hocheinsam war's. Die wilde Taube
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Entfloh dem Nest, vom Gruß verscheucht,
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Licht schien der Frühling rings im Laube
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Und seine Nebel wallten feucht.

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Seltsam Gefühl auf solchem Riffe
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Von freiem Schweben ob der Kluft,
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Als wandle sich die Burg zum Schiffe
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Und treibe schwankend durch die Luft:
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Als Mast der Turm mit hohen Rüstern,
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Als Deck des Felskamms schmaler Horst,
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Als Wellenschlag des Hochwalds Flüstern,
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Als Meer der weite grüne Forst.

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Wen echter Schwindel so bezwungen,
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Dem fällt betäubt nichts andres ein,
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Als Meister Gottfried schon gesungen:
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»sie slichen wider in ir stein.«
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Da wölbt, zyklopisch anzuschauen,
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Als Kammer sich ein schmal Gemach;
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Ein einziger Pfeiler, grob behauen,
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Trägt wuchtig alles Felsendach.

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Hier in den langverlaßnen Mauern,
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Die Moder weißlich überflog,
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War's, daß der Urzeit heilig Schauern
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Noch einmal durch die Trümmer zog.
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Ein Gang fuhr auf: – in fernen Tiefen
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Erschienen
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Die einen Heldenbergschlaf schliefen,
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Dieweil den Tisch durchwuchs ihr Bart.

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Der Leib wies Narben eingerissen,
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Der Becher tausendjähr'gen Wein,
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Krugtragend in der Schläfer Kreise
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Stund eine Jungfrau groß und schlank,
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Als ob sie in Walkürenweise
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Erst jüngst gebracht den Labetrank.

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Und im Gewölb' erscholl mit Dröhnen
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Ein Lied von fremd ureignem Klang,
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Das einer in gewaltigen Tönen
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Altfränkisch zu der Harfe sang:
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Wie Held Waltari mit Hiltgunden
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Aus Heunenland zum Rhein entritt
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Und mit den Besten der Burgunden
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Am Wasgenstein den Zwölfkampf stritt.

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Dann war's, als ob die Saiten schrillten:
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»wann kommt die Zeit? wann bricht der Traum?
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Wann greift ihr wieder nach den Schilden?
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Wann grünt des Reichs verdorrter Baum?«
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... Doch Hiltgund schwieg. Die Recken schwiegen,
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Und alles schwieg ... Da kam ein Zwerg ...
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Die Nebel sah man dichter fliegen,
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Und mit Geknarr schloß sich der Berg.

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– Walpurgistag, den ersten Maien,
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Wo alle Tiefen offen stehn,
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Ward von verfahrner Schüler zweien
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Dies Wasgauwunder angesehn.
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Sie mischten in der Höhlung Spalten
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Waldmeisterkraut zu würzigem Wein
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Und dichteten vergnügt und malten
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Dies neue Lied vom

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Joseph Victor von Scheffel
(18261886)

* 16.02.1826 in Karlsruhe, † 09.04.1886 in Karlsruhe

männlich, geb. Scheffel

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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