Der Grindwalfang an den Färöerinseln

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Joseph Viktor von Scheffel: Der Grindwalfang an den Färöerinseln (1856)

1
Was rennt das Volk an Thorhav'ns Strand,
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Als drohten Korsaren mit Einbruch dem Land,
3
Was schwingt es Spieße und Stangen?
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Die Färinger heben ein Kampfspiel heut an,
5
Heut füllen mit Speck sich die Tonnen und Tran,
6
Den Grindwal wollen sie fangen.

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Fern tanzt ein Boot auf der bläulichen Flut,
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Laut schallt sein Signalruf: »Grindabud!
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Der schwarze Wal kommt gezogen!«
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Und »Grindabud« ruft es aus jeglichem Mund,
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»hinaus itzt in sonnheller Morgenstund'
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Zur Hetzjagd auf schäumenden Wogen!«

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Von Küste zu Küste fliegt hurtig die Mär,
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Des Nachbardorfs Segel erglänzen im Meer,
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Rings steigen die Feuersäulen;
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»schafft Walfischmesser, schafft Schnüre mit Blei,
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Schafft Lanze und Axt und Harpune herbei,
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Frisch zu! heut gilt kein Verweilen.«

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Und alt und jung kommt gerüstet zum Streit,
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Selbst der dicke Amtmann macht sich bereit
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Und verläßt seine friedlichen Tische.
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Nur die Fraun und der Prediger bleiben zu Haus,
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Man fürchtet, es breche schlimm Wetter sonst aus
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Und ihr Nahen verscheuche die Fische.

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Nach wenig Minuten, bewehrt und bemannt,
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Stößt ein Dutzend Boote vom felsigen Strand
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Und schießt pfeilschnell durchs Gewässer.
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Scharf pfeift der Nordost ... wer macht sich was draus?
29
In die Hände geblasen! die Jacken aus!
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Hemdärmelig rudert sich besser.

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Jetzt leis! kein Geräusch!... und schwatzt mir nicht viel!
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Dort schwimmen die Wale, wir sind am Ziel:
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Seht ihr den schwarzdunkelnden Streifen?
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Plumpriesige Häupter tauchen hervor,
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Wie Springbrunnen blasen sie Strahlen empor
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Und schnauben wie Orgelpfeifen.

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Schnell hat sich im Halbrund geordnet der Kreis
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Umzingelnder Boote ... sie treiben leis
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Zum Hafen die arglosen Scharen.
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Eine zwiefache Flotte; wer malt mir das Bild:
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Die winzigen Treiber, das riesige Wild,
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Nicht ahnend die Todesgefahren!

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Der Grindewal, vom Geschlecht des Delphins,
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Auch Butzkopf geheißen, ist sänftlichen Sinns,
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Kein Raubtier, nur ungebärdig.
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Dem Menschen gefällig, treibt oft er vom Meer
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Die Heringschwärme zum Lande her,
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Des Überfalls nicht gewärtig.

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Gutmütiger Sild-Reki! in nächster Frist
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Erprobst du, was Dank bei den Nordmännern ist!
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Die Reihen schließen sich enger ...
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Erreicht ist der Hafen ... sie schwimmen hinein,
53
Mit Steinwurf und Ruderschlag hinterdrein
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Die Boote ihrer Bedränger.

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Jetzt halten die Grinden und wollen zurück ...
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In Graun vor dem kommenden Augenblick
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Hält auch die hetzende Meute ...
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Dann dumpfer Schrei: »Vorwärts! Fâll! Fâll!«
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Vom Muschelhorn tönt Angriffsignal,
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Das Eisen ereilt seine Beute.

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Scharf saust die Harpune!... noch eine!... glückauf,
62
Gedoppelter Blutstrahl steigt senkrecht herauf,
63
Wild taucht der Getroffne zum Grunde.
64
Jetzt windet die Leine und rudert zum Land!
65
Haleya! wie rennen sie fest sich am Sand,
66
Wie klafft vom Speerwurf die Wunde!

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Verraten mühn sich in seichter Bucht
68
Die riesigen Tiere. Unmöglich die Flucht,
69
Gestrandet sind all' und gefangen.
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Boot drängt sich auf Boot in kampfgieriger Eil',
71
Die Lanze schwirrt, dumpf hallt das Beil,
72
Rot schäumt's um die Ruderstangen.

73
Schon färbt sich Thorhav'ns durchsichtige Flut
74
Tief dunkelrot von der Opfer Blut,
75
Des Mitleids ist heute vergessen.
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Blind dringen all' auf den Haufen ein
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Und stechen und hauen und toben und schrein,
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Vom Dämon des Mordens besessen.

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Schlachtarbeit links, Schlachtarbeit rechts!
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Ein jeder in steigender Wut des Gefechts
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Wird kühner und unbekümmert,
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Ob zuckend in eisenverschluckender Not
83
Der Wal das kecklich ihm nahende Boot
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Mit wuchtigem Schwanzschlag zertrümmert.

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Was tut's! Sie springen bis unter den Arm,
86
In die Flut und mitten hinein in den Schwarm,
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Den Sterbenden weiter zu hetzen.
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Schon taumelt er matter im Kreise umher,
89
Die Augen geblendet vom bluttrüben Meer,
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... Sein Speck muß das Fahrzeug ersetzen.

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Und fruchtlos schnaubt im Verenden der Wal
92
Als blutigen Regen des Naslochs Strahl
93
Dem Feind auf Gesicht und Gewandung.
94
Sie hauen ihm eiserne Haken ins Maul
95
Und festigen dran der Stricke Knaul
96
Und schleifen ihn fest durch die Brandung.

97
Wer aber schwimmt jammernd dort drüben zum Land
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Und hält das geschwollene Haupt mit der Hand
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Und beginnt betrüblich zu klagen?
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He, Grindwal! was hat dir der Amtmann getan,
101
Daß den dicken, den tapfern, rechtskundigen Mann
102
Dein Schwanz so unsanft geschlagen?

103
Noch eine Stunde – und Stille ruht
104
Ob Schiffen und Strand und geröteter Flut,
105
Die Wasserschlacht ist zu Ende.
106
Erschlagener achtzig decken den Sand,
107
Die Sieger reihen sie nebeneinand'
108
Und waschen die blutigen Hände.

109
Dann kommt der Taxator und schätzt und schaut
110
Und schneidet die Zahl des Gewichts in die Haut
111
Und bemißt als Gesetzeshüter
112
Des Königs Zehnten, der Kirche Zins
113
Und einem jeden den Teil des Gewinns
114
Nach Größe und Maß seiner Güter.

115
Dem Kampf ward sein Lohn und wir können nach Haus,
116
Drum schneidet Leber und Herz gleich aus,
117
Die geben die leckersten Bissen.
118
Doch du, Christine, bekommst davon nichts;
119
Durchdringt dir das Walfett die Haut des Gesichts,
120
Will niemand vom Küssen mehr wissen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Joseph Victor von Scheffel
(18261886)

* 16.02.1826 in Karlsruhe, † 09.04.1886 in Karlsruhe

männlich, geb. Scheffel

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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