Die Heimkehr

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Joseph Viktor von Scheffel: Die Heimkehr (1856)

1
Der Pfarrer von Aßmannshausen sprach:
2
»die Welt steckt tief in Sünden,
3
Doch wo der Meister Josephus steckt,
4
Weiß keiner mir zu künden.«

5
Und als man rüstet auf Weihnachtzeit,
6
Da war der Rhein gefroren,
7
Da stund ein Mann in Pilgramskleid
8
Wohl vor des Pfarrhofs Toren:

9
»herr Pfarr', Ihr sollt mir Indulgenz
10
Und sollt mir Ablaß spenden,
11
Daß sich mein arm trübtraurig Herz
12
Zu neuer Freud' mag wenden.

13
Herr Pfarr', es war nicht wohlgetan,
14
Vom rheinischen Land zu scheiden,
15
Man trifft halt doch kein zweites an,
16
So weit man auch mag reiten.

17
Bis hundert Stunden hinter Lyon
18
Bin ich ins Frankreich kommen,
19
Manch gutes Frühstück von Austern und Sekt
20
Hab' ich zu mir genommen.

21
Ich hab' zu Marseille im Café Türk
22
Unter Heiden und Mohren gesessen,
23
Ich hab' am Pyrenäengebirg'
24
Lauch und Garbanzos gegessen.

25
Noch saust der Kopf mir, wenn ich gedenk'
26
Der Seealpenmaid Filumene:
27
Zigeunerbraun Antlitz, kohlschwarzkraus Haar,
28
Wie Elfenbein glänzend die Zähne.

29
Doch verpecht und verschwefelt ist alles Land
30
Ohne Freunde und Lieder und Liebe;
31
Vom Fieber geschüttelt und abgebrannt
32
Kehr' ich heim aus dem fremden Getriebe.«

33
Der Pfarr' von Aßmannshausen sprach:
34
»wohlauf, bußfertige Seele,
35
Mit unserm altheiligen Purpurwein
36
Salbe dir Lippen und Kehle.

37
Zu demselbigen Wein drei Tag, drei Nacht
38
In dunkelen Keller dich schließe
39
Und halt' bei den Fässern trinkend Wacht,
40
Daß Gnade sich über dich gieße.

41
In Krone und Anker ergib dich sodann
42
Den geistlichen Übungen fleißig,
43
Und erst bei des nächtlichen Wächters Nahn
44
Dem Chorgesange entreiß' dich.

45
Dann wird der Himmel ein Zeichen tun,
46
Er läßt keinen Büßer verderben:
47
Ein lichtes Weingrün, ein dunkles Rot
48
Wird Nase und Stirn dir färben.

49
Und prangt dein Gesicht in solchem Ton,
50
Dann wird dein Trübsinn sich hellen,
51
Dann magst du, o lang' verlorener Sohn,
52
Den alten Freunden dich stellen.

53
Wir sind die Alten; noch klingen beim Wein
54
Die Lieder von damals zu Berge,
55
Vom ›Spatzen‹ und vom ›Stieglitz fein‹
56
Und der ›sommerverkündenden Lerche‹.

57
Wir sind die Alten, wir haben dich gern;
58
Laß das Herz nicht von Kummer umnachten:
59
Und hätt'st du noch ärger geschwärmt in der Fern',
60
Ein Kalb auch würden wir schlachten.«

61
Da seufzte der Pilgram mit Tränen im Aug':
62
»o Pfarr' von Aßmannshausen,
63
Wie Ihr, gottwohlgefälliger Mann,
64
Sprach keiner mit mir da draußen.

65
Nun stoß' ich meinen dürren Stab
66
In diese geweihte Erde,
67
Daß er in neuem Blatt und Laub
68
Ein Schattendach mir werde.

69
Nun ströme, du rheinisch Traubenblut,
70
Du Hort unsäglicher Gnaden;
71
In deiner verjüngenden Feuerflut
72
Will ich gesund mich baden.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Joseph Victor von Scheffel
(18261886)

* 16.02.1826 in Karlsruhe, † 09.04.1886 in Karlsruhe

männlich, geb. Scheffel

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.