Emilie an Klara

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Friedrich Hölderlin: Emilie an Klara (1826)

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Wie dank' ich dir, du Liebe, daß du mir
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Vertrauen abgewonnen, daß ich dir
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Mein still Geheimniß ausgesprochen.

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Ich bin nun ruhiger ‒ wie nenn' ichs dir?
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Und an die schönen Tage denk' ich, wenn ich oft
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Hinaus ging mit dem Bruder, und wir oben
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Auf unserm Hügel beieinander saßen,
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Und ich den Lieben bei den Händen hielt,
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Und mirs gefallen ließ am offnen Feld'
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Und an der Straß', und ins Gewölb' hinauf
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Des grünen Ahorns staunt', an dem wir lagen.
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Ein Sehnen war in mir, doch war ich still.
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Es blühten uns der ersten Hoffnung Tage,
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Die Tage des Erwachens.

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Holde Dämm'rung!
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So schön ists, wenn die gütige Natur
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Ins Leben lockt ihr Kind. Es singen nur
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Den Schlummersang am Abend unsre Mütter.
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Sie brauchen nie das Morgenlied zu singen.
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Dieß singt die andre Mutter uns, die gute;
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Die wunderbare, die uns Lebenslust
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In unsern Busen athmet, uns mit süßen
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Verheißungen erweckt.

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Wie ist mir, Liebe!
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Ich kann an Jugend heute nur, und nur
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An Jugend denken.

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Sieh! ein heitrer Tag
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Ists eben auch. Seit frühem Morgen sitz' ich
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Am lieben Fenster, und es wehn die Lüfte,
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Die zärtlichen, herein, mir blickt das Licht
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Durch meine Bäume, die zu nahe mir
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Gewachsen sind, und mählig mit den Blüthen
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Das ferne Land verhüllen, daß ich mich
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Bescheiden muß, und hie und da noch kaum
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Hinaus mich find' aus diesem freundlichen
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Gefängniß! und es fliegen über ihnen
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Die Schwalben und die Lerchen, und es singen
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Die Stunde durch genug die Nachtigallen,
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Und wie sie heißen, all die Lieblinge
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Der schönen Jahrszeit; eigne Namen möcht'
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Ich ihnen geben, und den Blumen auch,
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Den stillen, die aus dunklem Beete duften,
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Zu mir herauf wie junge Sterne glänzend.

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Und wie es lebt und glücklich ist im Wachsthum,
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Und seiner Reise sich entgegen freut!

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Es findet jedes seine Stelle doch,
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Sein Haus, die Speise, die das Herz ihm sättigt,
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Und jedes segnest du mit eignem Segen,
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Natur! und giebst dich ihnen zum Geschäft,
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Und trägst und nährst zu ihrer Blüthenfreud'
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Und ihrer Frucht sie fort, du gütige!

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Und klagtest du doch öfters, trauernd Herz!
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Vergaßest mir den Glauben, danktest nicht,
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Und dachtest nicht, wenn dir dein Thun zu wenig
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Bedeuten wollt', es sey ein frommes Opfer,
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Das du, wie andre, vor das Leben bringest,
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Wohl meinend, wie der Lerche Lied, das sie
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Den Lüften singt, den freudegebenden. —

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Nun geh' ich noch hinaus und hole Blumen,
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Dem Vater aus dem Feld', und bind' ihm sie
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In Einen Straus, die drunten in dem Garten,
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Und die der Bach erzog; ich wills schon richten,
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Daß ihm's gefallen soll. Und dir? dir bring' ich
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Genug des Neuen. Da ist's immer anders.
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Jetzt blühn die Weiden; jetzt vergolden sich
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Die Wiesen; jetzt beginnt der Buche Grün,
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Und jetzt der Eiche ‒ nun! leb' wohl indessen!

(Hölderlin, Friedrich: Gedichte. Stuttgart u. a., 1826.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Friedrich Hölderlin
(17701843)

* 20.03.1770 in Lauffen am Neckar, † 07.06.1843 in Tübingen

männlich, geb. Q114498136

deutscher Lyriker (1770-1843)

(Aus: Wikidata.org)

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