Der Pfahlmann

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Joseph Viktor von Scheffel: Der Pfahlmann (1856)

1
Dichtqualmende Nebel umfeuchten
2
Ein Pfahlbaugerüstwerk im See,
3
Und fern ob der Waldwildnis leuchten
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Die Alpen in ewigem Schnee.

5
Ein Mann sitzt auf hölzernem Stege
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In Felle gehüllt, denn es zieht;
7
Er schnipft mit der Feuersteinsäge
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Ein Hirschhorn und summelt sein Lied:

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»da seht mein verschwollen Gesichte
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Und seht, wie bei Durchzug und Wind
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Der Ureuropäer Geschichte
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Mit Rheuma und Zahnweh beginnt.

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Zwar klopf' ich mit steinernen Beilen
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Und Keulen mir Bahn durch die Welt,
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Doch ist ein gemütlich Verweilen
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Noch täglich in Frage gestellt.

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Im Wald stört das Raubtier mit Schreien
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Den Schlaf im durchhöhleten Stamm,
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Und bau' ich mein Hüttlein im Freien,
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So stampft mir's der Urochs zusamm'.

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Drum lernt' ich vom biederen Biber
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Und stelle als Wohnungsbehilf,
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Je weiter vom Festland je lieber,
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Den Pfahldamm in Seegrund und Schilf.

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Auch hier muß ich vieles noch meiden,
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Was späterer Zeit einst gefällt:
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Gern trüg' ich ein Schwert an der Seiten
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– Es gibt weder Eisen noch Geld.

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Gern zög' ich Gewinn vom Papiere
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– Noch sind keine Börsen gebaut;
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Gern ging' ich des Abends zum Biere
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– Es wird noch keines gebraut.

33
Und denk' ich der Art, wie wir kochen,
34
Gesteh' ich selber: 's ist arg.
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Wir spalten dem Torfschwein die Knochen
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Und saugen als Kraftsaft das Mark.

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Wie kann sich der Geist da schon lenken
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Auf höh'res Kulturideal?
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In all unserm Fühlen und Denken
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Steckt rammeltief Pfahl neben Pfahl.«

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Der Mann sang's mit heiserer Kehle,
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Da schwoll mit dem Rheuma sein Grimm,
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Zwei Bären beschlichen die Pfähle
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Und schnupperten kletternd nach ihm.

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Da schmiß er zum Pfahlküchenkehricht
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Beil, Hirschhorn und Trinkkrug von Ton,
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Sprang husch! wie ein Frosch ins Geröhricht
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Und schwamm mit Fluchen davon.

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Wo einst man die Stätte errichtet
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Zum keltischen Seehüttendorf,
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Ruht jetzt eine Fundschicht geschichtet,
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Tief unter dem Seeschlamm und Torf.

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Der diesen Gesang schuf zum Singen,
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Hat selber den Moder durchwühlt
55
Und bei den gefundenen Dingen
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Einen Stolz als Kulturmensch gefühlt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Joseph Victor von Scheffel
(18261886)

* 16.02.1826 in Karlsruhe, † 09.04.1886 in Karlsruhe

männlich, geb. Scheffel

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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