Der Basalt

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Joseph Viktor von Scheffel: Der Basalt (1856)

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Es war der Basalt ein jüngerer Sohn
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Aus altvulkanischem Hause,
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Er lebte lange verkannt und gedrückt
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In erdtief verborgener Klause.

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Vulkanische Kraft war damals gehaßt
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Ob ihrer zerstörenden Schläge,
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Dem Ruhebedürfnis der Erde entsprach
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Entwicklung auf feuchtem Wege.

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Eintönig wogte die Flut und litt
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Nichts Hartes mit scharfer Kante,
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Die Felsen zerrieb sie zu Kieselstein,
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Die Kiesel zerrieb sie zu Sande.

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Erdmännlein, die klugen, erkannten betrübt
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Die Gefahr allmähl'cher Versumpfung,
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Da schürten sie unten leis am Basalt:
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»erwach' aus deiner Verdumpfung!

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Erwach', sei ein Mann und erhebe dein Haupt,
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Zerspreng' die beengenden Bande,
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Aus himmelansteigender Felsenburg
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Beherrsch' die geschichteten Lande!

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Erwach' und ruf':
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Wie drüben im Alpenbezirke
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Deine tapfern Ahnen Granit und Porphyr,
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Die Stammherrn der kühnsten Gebirge.«

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Da hub der Basalt zu seufzen an,
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Er hatte, von Langweil' betrübet,
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Ein geologischer Romeo,
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Sich in die Molasse verliebet.

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Molasse, der Erbfeinde Töchterlein,
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Moderne, marinische Schichten!...
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Drum nagte der Gram wie verzehrender Rost
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An seinem Trachten und Dichten.

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Um der Tiefe zentrale Urfeuer lag
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Er träumend und sprach wie im Fieber:
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»o wär' ich ein wäßriger Niederschlag
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Und bei ihr ... das wäre mir lieber!«

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Erdmännlein, die klugen, sie trugen stets
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Den Fortschritt des Ganzen im Sinne;
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Was kümmert solch doktrinäres Volk
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Des einzelnen Herzweh und Minne?

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Und wieder hetzten und schürten sie scharf:
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»laß ab von deinen Visionen,
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Du erntest nur einen Korb und den Spott
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Der sämtlichen Formationen.

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Schon flüstert's der Onkel Steinsalz dem Kalk,
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Schon basen es höhnisch die Wellen:
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›wie kann sich des Meeres drittältestes Kind
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Dem Auswurf des Feuers gesellen!‹«

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... Was weiter geschah, man erfuhr es nie,
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Doch plötzlich faßt' ihn ein Wüten,
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In feuriger Lohe schnob er heraus,
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Seine Adern glühten und sprühten.

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Lautrasend drang er nach oben vor
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Und sprengte mit sengenden Gluten
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Die Decke der Schichten, die wie ein Alp
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Schwerlastend über ihm ruhten.

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Auch sie, für die er einst schwärmte, sank
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Als Opfer der grimmen Verheerung.
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... Auflacht' er höhnisch und hüllt' sich in Rauch
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Und stürmte zu neuer Zerstörung.

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Und Schlag auf Schlag – dumpfkrachend Getös
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Von tausend und tausend Gewittern ...
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Die Erde barst, es durchzuckte sie tief
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Ein Schüttern und Zittern und Splittern.

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Bis steil majestätisch der feurige Kern
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Den klaffenden Spalten entsteiget,
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Und trümmerbesäet sich Land und Flut
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Dem Säulengewaltigen neiget.

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Da stand er und schaute die blauende Luft
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Und der Sonne lichtspendendes Walten,
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Dann seufzte er tief ... kühl weht es vom See ...
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Dann sank er in starres Erkalten.

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Doch in dem Gefelse wohnt heute noch
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Ein seltsam Tönen und Klingen,
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Als woll' es von seliger Jugendzeit
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Ein Lied der Sehnsucht uns singen.

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Und ein goldgelb Tröpflein Natrolith
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Im geschwärzten Stein oft erscheinet ...
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Das sind die Tränen, die der Basalt
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Der gesprengten Molasse weinet.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Joseph Victor von Scheffel
(18261886)

* 16.02.1826 in Karlsruhe, † 09.04.1886 in Karlsruhe

männlich, geb. Scheffel

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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