9. Der Abt gefangen

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Gustav Schwab: 9. Der Abt gefangen (1821)

1
Auf der Burg zu Werdenberg
2
Lebt es wieder in den Mauern,
3
Und der Herr im Hirtenhemd
4
Sitzt, ein Bauer, zwischen Bauern.
5
Leert den Becher an der Seite
6
Seiner Retter oft und gern,
7
Und die Hirten grüßen willig
8
Grafen ihn und gnäd'gen Herrn.

9
In Sankt Gallen auf der Flucht
10
Ist der Herzog angekommen,
11
Hat umsonst den Häuptlisberg
12
Mit der edlen Schar erklommen;
13
Wie ein Dieb muß er entweichen,
14
Denn die Bürger zornig drohn,
15
Treibt mit wenig wunden Rittern
16
Auf des Sees Wellen schon.

17
Und vor Wyl
18
Mit den Widdern, mit den Böcken;
19
Weithin höret man durch's Thal
20
Seine schlimme Heerde blöcken;
21
Denn die Köpfe sind von Eisen,
22
Rütteln an den Mauern laut,
23
Daß Herrn Kuno drinn, dem Abte,
24
Vor den wilden Stößen graut.

25
Auch die Leiter steht, zum Sturm
26
Und das Pech, zum Brand gerichtet,
27
Bange wird der Söldnerschar,
28
Die dem Herrn sich hat verpflichtet:
29
Denn es tobt der Feind von außen,
30
Und der Bürger drinnen murrt,
31
Holt die Axt sich aus der Kammer,
32
Um den Leib schnallt er den Gurt.

33
Vor der Stadt erschallt das Horn;
34
Doch da füllen sich die Gassen,
35
Söldner sind ein feiges Volk,
36
Haben ihren Herrn verlassen,
37
Wallen mit dem Bürger friedlich
38
Vor der Stadt gewölbtes Thor,
39
Stehn geschäftig an dem Graben,
40
Schieben selbst die Brücke vor.

41
Durch die Straßen zieht der Hirt,
42
Seine hellen Fahnen fliegen,
43
Rechts und links nicht schaut er um,
44
Eilet zu des Schlosses Stiegen,
45
Seinen alten Feind zu fahen,
46
Der ihm so viel Leides that,
47
Und auf freier Männer Nacken
48
Mit dem stolzen Fuße trat.

49
In dem Saale sitzt der Abt
50
Einsam in dem großen Schlosse,
51
Höret seiner Feinde Ruf
52
Und das Wiehern ihrer Rosse;
53
Aber seinen Willen beugen
54
Lehret die Gefahr ihn nicht;
55
In dem Stuhle bleibt er sitzen,
56
Läßt sie nahen, zürnt und spricht:

57
»kommet immer, fasset mich,
58
Hirten, weiland meine Knechte!
59
Taucht in des Gesalbten Blut
60
Eure mörderische Rechte!
61
Doch ein Gott im Himmel waltet,
62
Meines frommen Klosters Schild,
63
Und ein Kaiser herrscht auf Erden,
64
Der die Missethat vergilt!

65
In den Kerker, in das Grab
66
Magst du, freches Volk, mich legen;
67
Dich ereilet doch mein Fluch,
68
Was du thust, bringt keinen Segen:
69
Schlagen wird dich Gottes Winter
70
Vor Bregenz, das du bekriegst,
71
Und am See sitzt König Ruprecht,
72
Und zertritt dich, wenn du liegst!«

73
Der der Brüder Scharen führet,
74
Rede stehet er dem Abt,
75
Sittsamlich, wie sich gebühret:
76
»wäre Gott mit Euch, nicht läge,
77
Herr, auf Euch sein Arm so schwer!
78
Schelten lassen wir uns gerne,
79
Schaden mögt ihr uns nicht mehr!

80
Was die Zukunft Böses bringt,
81
Sorget nicht, wir werden's tragen:
82
Ruprecht ist ein alter Mann,
83
Wird uns nicht zu Boden schlagen:
84
Leichtlich schließen sich zwei Augen,
85
Wenn sie noch so zornig glühn,
86
Doch ein freies Volk stirbt nimmer,
87
Wird in ew'ger Jugend blühn!

88
Aber jetzt, wenn's Euch geliebt,
89
Folgt uns, Herr! und steigt zu Pferde!«
90
Und sie hoben ihn auf's Roß,
91
Zogen mit ihm ohne Fährde.
92
Schweigend thut er ihren Willen,
93
Sieht sie an mit scheuem Blick –
94
Doch in's Kloster von Sankt Gallen
95
Führen sie ihn fromm zurück.

96
Lassen in der offnen Pfalz
97
Ihn die Hand zum Schwure heben:
98
In des freien Volkes Schutz
99
Woll' er still und friedlich leben.
100
Als sie das von ihm erlanget,
101
Ziehn die guten Männer ab,
102
Legen Schwert und Helm zur Seite,
103
Greifen zu dem Hirtenstab.

104
Und in's tiefe, stille Thal
105
Steigt die alte Ruhe nieder,
106
Nur der Heerden froh Gebrüll
107
Hallt vom hohen Säntis wider.
108
Nimmer wird die grüne Matte
109
Mit der Hirten Blut getränkt,
110
In der freien Volksgemeinde
111
Tagt der Landmann ungekränkt.

112
Und ein Kirchlein auf dem
113
Läßt die Glocke jährlich schallen;
114
Das erzählt dem Pilger laut,
115
Von der Fehde mit Sankt Gallen:
116
Dort, im dichten Waldgebüsche
117
Steht es, wo der Frauen Schar,
118
Wie ein Heer von Sigesengeln
119
Leuchtend einst erschienen war.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.