6. Anderhalde's Traum

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Gustav Schwab: 6. Anderhalde's Traum (1821)

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Mit gekrümmtem Rücken sitzt
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In dem Stuhl Herr Anderhalde,
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Sah von ferne, wie es blitzt',
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Hirtenschwert im Speicherwalde;
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Labt sein Haupt im Sonnenschein
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An der Freiheit goldnem Morgen,
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Kann er nicht mehr mit befrei'n,
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Denken kann er doch und sorgen.

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Und es pflücken oft im Traum
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Hochbejahrte Greise wieder
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Von der Jugend grünem Baum
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Ahnungsbilder, Wunderlieder;
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Was sie da gehört, geschaut,
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Jüngre wird es unterweisen;
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So auch neiget sich ergraut
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Jetzt zum Traum das Haupt des Greisen.

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Ein Gesicht führt ihn empor,
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Wo mit seinem grünen Rücken
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In die Berge der Kamor
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Und ins Thal zugleich darf blicken.
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In des Alpsteins Riesenkluft
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Schaut er, kann das Rheinthal grüßen.
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Thur- und Hegäu winkt im Duft,
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Appenzell zu seinen Füßen.

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Und ihm dünket menschenleer
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Seiner Heimat Thalgelände,
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Keine Hütten hin und her
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Sind gebaut durch kluge Hände.
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Der Bewohner harrt es stumm,
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Sitter nur und Urnäsch
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Schauernd sieht der Greis sich um:
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Wer wird kommen, hier zu hausen?

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Luft und Erde jetzt erschallt
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Als von Flügelschlag und Tritten,
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Und es wimmelt aus dem Wald,
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Kommt mit Fittichen und Schritten;
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Thiere sind's in bunter Schar,
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Wollen Herrn des Landes werden,
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Und ein schwarzer, stolzer Aar
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Schlägt den Fittich vor den Heerden.

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Drüben kommen sie vom
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Falken, Schwäne, Greifen, Drachen;
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Brüllend, wiehernd, Stier und Roß,
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Wölfe mit dem blut'gen Rachen;
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Eber wühlen mit dem Zahn,
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Mit dem Rüssel Elephanten,
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Stürzen auf den grünen Plan
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Nieder von des Berges Kanten.

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Bange schaut der Greis zu Grund:
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Läßt das Land sich die gefallen?
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Alsobald im Alpenschlund
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Murrt es, daß die Felsen hallen.
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Staunend blickt er um sich her:
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Denn hervor aus sieben Thälern
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Stürzt der Alpen Herr, der Bär,
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Läßt das Hausrecht sich nicht schmälern.

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Droben ist er schon am Wald,
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Fährt den Thieren in die Hüften,
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Bäumt sich, steht und streitet bald
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Gegen Schnäbel in den Lüften;
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Stürzt zurück auf Wolf und Stier,
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Rachen gähnen gegen Rachen,
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Bald, umringt, erliegt er schier –
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Da mußt' Anderhald' erwachen.

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Und erprobte Männer läßt
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In das Haus er schleunig bitten,
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Spricht: »Ihr Brüder, haltet fest,
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Denn auf's Neue wird gestritten.
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Vor dem Auge steht mir hell,
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Wer sich für den Abt wird rüsten:
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Oestreichs Adler, Appenzell,
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Will in deinem Horste nisten.

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Ritter bringt er, kühn und wild,
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Wie die Thier' auf Helm und Wappen,
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Alle sah mein Traum im Bild
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Stolze Herren, freche Knappen,
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Wolfurt, Schwaneck, Greifenstein,
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Trautburg mit dem Haupt des Stieres;
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Ach, es wird kein Ende sein
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Dieses grimmigen Gethieres!

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Aber dich, o Völklein, auch
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Sah ich streitbar abgebildet,
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Wie nach grauer Väter Brauch
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Deine Gauen sich beschildet;
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Deiner Wälder altes Wild
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Führest du zu deinem Zeichen:
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Schwarzer Bär im goldnen Schild,
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Keinem Thiere wirst du weichen!

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Nur getrost hinauf zum Stoß,
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Dorthin durft' ich träumend blicken,
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Stier und Drachen, Greif und Roß,
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Dorther wird's der Adler schicken.
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Ja, dein Leben gilt es, Bär!
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Laß ihn fühlen deine Klauen,
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Einer nur, du oder er,
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Wohn' hinfort in diesen Gauen!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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