5. Appenzell kommt in der Freunde Hand

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Gustav Schwab: 5. Appenzell kommt in der Freunde Hand (1821)

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Von des Säntis eis'gen Klüften
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Bricht ein frischer Südwind aus,
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Weht mit ungebundnen Lüften
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Durch das leere Gotteshaus;
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Schwingt sich über Feld und Hügel
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An des Bodensees Strand,
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Leiht den Schiffen seine Flügel,
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Jagt sie heim in's Schwabenland.

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In die halbverbrannten Vesten
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Kehrt zurück der Edelmann,
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Bauet an den schwarzen Resten,
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Daß er sicher wohnen kann.
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Aus der falschen Stadt Sankt Gallen
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Flieht ins feste Wyl der Abt,
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Weil des Klosters offne Hallen
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Schon der kühne Hirt umtrabt.

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Appenzell ist los des Feindes,
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Und sein Volk, der Bande frei,
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Lehnt sich auf den Arm des Freundes,
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Der ihm in der Not stand bei.
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Aus dem Schwyzerland heran,
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Das im Feld und Rathausstube
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Hilfe schickt, sechshundert Mann.

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Und die Männer mögen's leiden,
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Daß der Löri für sie kürt,
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Folgen willig und bescheiden,
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Wenn er ihre Rotten führt.
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Ihres Gleichen ist der Knabe,
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Der ins Thal herunter stieg
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Schlicht, an seinem Hirtenstabe,
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Mitzukämpfen heil'gen Krieg.

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Aber, der da kam zu Fuße
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Schwinget bald sich auf ein Roß,
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Steuer schreibt er, fordert Buße,
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Hält sich grober Knechte Troß.
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In des Volkes Rat erschien er
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Nicht wie andre Hirten mehr,
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Denn es trägt ihm nach der Diener,
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Wie dem Edelmann, den Speer.

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Auf dem Speicher, wo im Streite
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Freier Männer Stirne trof,
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Zehrt er von der Siegesbeute,
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Hält wie große Herren Hof.
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Schickt den Hirten auf die Höhen:
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Wildpret liebt er auf dem Tisch!
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Aus des Säntis tiefen Seen
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Fängt man ihm den besten Fisch;

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Denn er glaubt, vom Wein bethöret,
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Ihrer aller Herr zu sein:
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»was dem Gotteshaus gehöret,«
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Schreit er, »Leut' und Land sind mein!«
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Als er das im Rausch gesprochen,
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Flogen Steine nach dem Wicht,
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Doch die Schwyzer, losgebrochen,
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Lassen von dem Führer nicht.

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Und die Ritter in dem Thale,
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Und der Abt im Schloß zu Wyl,
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Freuen wieder sich beim Mahle,
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Halbgewonnen ist ihr Spiel:
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»sagt, ist das nicht Gottes Rache,
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Daß es dazu kam so schnell,
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Daß ein Bub' führt solche Sprache,
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Und regiert im Appenzell?«

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Regt sich in dem Land kein Rächer?
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Hebet seinen Arm kein Held?
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Ach, der Schwyzer ist ihr Sprecher,
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Und der Schwyzer führt im Feld!
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So verstreut sind ihre Rotten,
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So getheilt ist ihre Macht,
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Daß die Fremden ihrer spotten,
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Und der Nachbar sie verlacht.

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Doch des Volkes Seufzen wendet
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Nicht umsonst sich himmelwärts:
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Löri's Auge wird verblendet,
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Und verhärtet wird sein Herz.
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Wie die Städte friedlich sprechen
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Auf dem Tag zu Winterthur,
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Denkt den Frieden er zu brechen,
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Sinnt auf Raub und Beute nur.

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Hastig führt er seine Scharen
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Auf das Dörflein Zuckenried,
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Fromme Hirten bei ihm waren,
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Sangen ihm kein gutes Lied.
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Dennoch bundsvergessen fährt er
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In das Dorf mit Brand und Mord,
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Rings das schöne Feld verheert er,
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Zieht beladen wieder fort.

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Hinter ihm die Bauern fluchen,
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Höret er's nicht, hört's doch Gott!
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An der Mühle dunkeln Buchen
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Hallt's wie wilder Reiter Trott:
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Die von Constanz sind's, die Städter,
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Rächen grimm den Friedensbruch,
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Auf ihn nieder, wie im Wetter,
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Fährt und trifft des Himmels Fluch.

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Zwar die Hirten all', die treuen,
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Kämpfen für den falschen Freund;
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Appenzell! – laß dich's nicht reuen –
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Dir zum Glücke siegt der Feind!
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Laß nur fliehen deine Scharen;
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Deinem Hauptmann ist ein Pfeil
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In die falsche Brust gefahren,
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Jetzt erblüht dir wieder Heil.

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Seht, die wackern Männer tragen
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Fromm den Wunden aus der Schlacht.
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»sei, weil ihn der Herr geschlagen,
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Seiner Sünde nicht gedacht!«
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Sprechen sie, – und auf dem Speicher
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Pflegen sie mit Sorgen sein,
110
Aber immer wird er bleicher,
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Stirbt zuletzt in Reu' und Pein.

112
Seiner Seele halten Messen
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Sie im frommen Appenzell,
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Haben nicht des Leibs vergessen,
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Laden ihn zu Rosse schnell,
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Führen ihn durch Berg und Thale
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Gen Einsiedeln in sein Grab;
118
Wieder blickt mit heitrem Strale
119
Gottes Sonn' ins Land herab.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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