4. Die Schlacht am Speicher

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Gustav Schwab: 4. Die Schlacht am Speicher (1821)

1
In dem grünen Speicherwald,
2
Drunter schmucke Häuser liegen,
3
Werden freie Männer bald
4
Fröhlich sterben oder siegen.
5
Von dem Sternenhimmel sieht
6
Gott auf sie, der Herr der Schlachten,
7
Wo das fromme Häuflein kniet,
8
Betend hier zu übernachten.

9
»wenn es sein mag,« flehen sie,
10
»laß, o Herr! uns hier genesen!
11
Oder sei der Boden hie
12
Uns zum Kirchhof auserlesen
13
Wer sich fliehend umgewandt,
14
Werd' auf fremder Erd' erschlagen,
15
Nicht das freie Vaterland
16
Soll im Schoose solchen tragen!«

17
Und der erste Sonnenstral
18
Lächelt, wie sie sprechen Amen,
19
Als die Feinde von dem Thal
20
Nach den Höhn gestiegen kamen;
21
Vorn die Edeln, hoch zu Roß,
22
Die im Sattel stählern sitzen,
23
Ihnen folgt ein kecker Troß
24
Leichtbewehrter Bogenschützen.

25
Doch sie sind die letzten nicht,
26
Die bergan behende laufen:
27
Hinten erst im Sonnenlicht
28
Glänzen die gewalt'gen Haufen:
29
Dicht, wie Blumen in dem Lenz,
30
Funkeln Helme, winken Hüte;
31
Constanz, Ravenspurg, Bregenz
32
Sendet seiner Männer Blüte.

33
Und die Kirche schickt den Bann
34
Fluchend in des Hirten Ohren,
35
Pfaffe, Bürger, Edelmann
36
Haben Schmach ihm heut geschworen.
37
»will der Bauer,« sprechen sie,
38
»gegen uns sein Haupt erheben?
39
Nieder muß er auf das Knie,
40
Muß erst betteln um sein Leben!«

41
Hättet ihr geschauet ihn,
42
Ei, wie würdet ihr ihn loben,
43
Denn er lag schon auf den Knie'n,
44
Jetzt erst hat er sich erhoben.
45
Ja, vor Gott hat er gekniet,
46
Doch vor euch denkt er zu stehen,
47
Ob er schon zurück sich zieht,
48
Klug verborgen auf den Höhen.

49
Einsam trifft der Feind den Wald,
50
Ein Verhau von wenig Stämmen
51
Macht ihm keinen Aufenthalt,
52
Kann den raschen Zug nicht hemmen.
53
Aus der Städter rüst'gen Reih'n
54
Treten vor die Zimmerleute,
55
Stoßen ihn mit Lachen ein:
56
»appenzell, bist unsre Beute!«

57
Sieh da! von den höchsten Höh'n
58
Rasselt es mit Steinen nieder,
59
Wie im Sturme Schlossen weh'n,
60
Und zersprengt die vordern Glieder.
61
Und die Rosse bäumen sich,
62
Drängen an's Gehölz den Reiter,
63
Und wenn vornen Einer wich,
64
Weichen hinten zehen Streiter.

65
Dann in den verwirrten Zug
66
Schießt der Pfeil und fährt die Lanze,
67
Jetzt herunter erst im Flug
68
Stürmt der Hirt vom Bergeskranze;
69
Auf die dichten Haufen ein
70
Haut er mit dem starken Arme,
71
Und vergebens muß es sein,
72
Wehrt sich einer aus dem Schwarme.

73
Denn es fliegt der Alpenhirt
74
Hüpfend auf die Felsenstücke,
75
Daß kein Streich, kein Schuß verirrt
76
Unter seinem sichern Blicke,
77
Bis des Klosters Knechte fliehn,
78
Die zuerst, wie feige Weiber,
79
Stürzen auf die Andern hin,
80
Wie auf's scheue Vieh die Treiber.

81
Hunderte, sie möchten's gern,
82
Kommen drunten nicht zum Schlagen,
83
Und die Hirten stehn von fern,
84
Schnelle Gemsen gilt's zu jagen.
85
Hier und dort, als edles Wild,
86
Hält ein Häuflein noch von Rittern,
87
Dem die Brust von Grimme schwillt,
88
Daß die Andern feige zittern.

89
Doch erliegen sie dem Streit,
90
Oder fliehen mit dem Heere,
91
Da zerreißt sein Wappenkleid,
92
Wem noch lieb ist Ritterehre.
93
»neben Pfaffen kämpfen wir,
94
Neben Söldnern schnöder Städte!
95
Weiche von uns Stammeszier!
96
Fall' zu Boden, goldne Kette!«

97
Endlich steht nur Einer noch
98
Als des Ahnenruhms Bewahrer,
99
Stolz, von Wuchse riesig hoch,
100
Vom Geschlecht der edlen Blarer.
101
Ein dreifältig Panzerhemd
102
Deckt ihn wider alle Streiche:
103
Seinen Rücken angestemmt,
104
Ficht er unter einer Eiche.

105
Den besieht vom Berge sich
106
Doch zuletzt ein Hirtenjunge:
107
»hilft mir Gott, so fäll' ich dich!«
108
Hebt die Schleuder dann zum Schwunge
109
Einen spitzen Stein er schießt
110
Ihm so flink durch's Helmesgitter,
111
Daß das Blut sich draus ergießt,
112
Und zu Boden stürzt der Ritter.

113
Drauf herab hat sich die Flucht
114
In Sankt Gallens Thal gezogen,
115
Zwanzig Hirten in die Schlucht
116
Sind ihr kühnlich nachgeflogen;
117
Werfen einen Feuerbrand
118
Vor den Thoren in die Mühle,
119
Und gemach aus Feindesland
120
Ziehn sie in der Morgenkühle.

121
Und kein Schwert, kein Schild mehr klirrt;
122
Auf dem Speicher weidet wieder
123
Still der Appenzeller Hirt,
124
Schaut in beide Thäler nieder;
125
Höret aus dem Appenzell
126
Freien Volkes Jubel schallen,
127
Und ein Totenglöcklein hell
128
Tönt herüber aus Sankt Gallen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.