Die Thurbrücke bei Bischofszell

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Gustav Schwab: Die Thurbrücke bei Bischofszell (1821)

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Wer hat diesen steinernen Bogen
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Ueber die wilde Thur gezogen?
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Daß der Wandrer die Straße lobet,
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Daß das Wasser vergeblich tobet?

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War's ein mächtiger Fürst im Lande,
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Der den Strom gelegt in Bande?
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War's ein Führer in Kriegestagen,
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Der die Brücke dem Heer geschlagen?

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Oder richtet' für Mann und Rosse
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Sie der Ritter vom hohen Schlosse,
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Und indeß sein Haus zerfallen,
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Ist sein Pfad noch immer zu wallen?

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Nein, die Brücke, die ihr schauet,
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Manneswort hat sie nicht erbauet;
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Auf ein Wort aus des Weibes Munde
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Stieg sie über dem Felsengrunde.

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Die dort auf der Burg gehauset
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Hörte wie die Woge brauset,
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Sah den Fluß von Waldesquellen
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Und vom Gusse des Regens schwellen.

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Und den Nachen am steinigen Lande,
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Der vom Strande führt zum Strande,
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Sah sie drüben sich drehn und wiegen:
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Wehe, wenn Einer hineingestiegen.

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Ehe gedacht sie den Gedanken,
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Sieht sie ihn mit zwei Wandrern schwanken,
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Die sie schauet, es sind in Schöne
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Ihre jungen, einzigen Söhne.

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Von dem Waidwerk heimgekehret,
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Finden sie den Strom empöret,
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Haben doch, die rüstigen Jungen,
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Kecklich in den Kahn sich geschwungen.

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Doch es lassen sich die Wellen
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Nicht wie Thiere des Waldes fällen,
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Und nicht half der Mutter Klagen,
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Als sie den Kahn sah umgeschlagen.

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Wie sie nun in langem Harme
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Breitet' ihre beiden Arme
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Bei den Wellen, den schaumesbleichen,
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Ueber ihrer Kinder Leichen,

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Mußte sie der Mütter gedenken,
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Die noch können schau'n versenken
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In den schnell empörten Wogen
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Söhne, die sie sich erzogen.

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Und es werden im Mutterherzen
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Leichter ihr die bittern Schmerzen,
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Wenn sie Andern kann ersparen
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Solches Leid, wie sie's erfahren.

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Und noch ehe sie ausgetrauert,
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Ward gemeißelt und gemauert,
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Ward der Strom in's Bett gezwänget
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Und die hohe Brücke gesprenget.

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Sah sie dann oft fröhliche Knaben
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Ueber den Pfad von Steine traben,
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Und die schäumenden Wasser höhnen,
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Die in felsiger Tiefe tönen;

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Und mit leichtem Tritte wallen
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Mütter hinter den Kindern allen,
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Sieh, da flossen ihre Thränen
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Mild von Freude, mild von Sehnen.

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Und ihr Werk, das fromme, dauert
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Aber sie hat ausgetrauert,
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Höret die Wasser nicht mehr toben,
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Ist bei den jungen Söhnen droben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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