Rudolph und der Gerber

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Gustav Schwab: Rudolph und der Gerber (1821)

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Der König Rudolph sacht im Schritt
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Durch eine Straße Basels ritt;
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Die hohen Häuser, ganz von Stein,
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Sie leuchten seinen Augen ein;
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Viel, nach der stolzen Art zu bauen,
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Sind Edelsitzen gleich zu schauen;
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Mit Schiefer blank das Dach geschirmt,
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Der Erker künstlich aufgethürmt,
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Daraus geschmückte junge Frauen
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Mit Scham und Neugier auf ihn schauen.
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»traun, diese Stadt ist wohlgethan,
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Wie fangen das die Bürger an?
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An Haus, an Gut, im Schoos der Ehen,
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Mit allem sind sie wohl versehen!«
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So in Betrachtung still versenkt
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Das Roß er um die Ecke lenkt,
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Doch Lieblich's just hier nichts er siehet,
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Ja gar den Athem an sich ziehet,
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Denn auf der offnen Straße haut
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Auf eine rohe muffige Haut,
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Die auf das Holz er spannt', ein derber,
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Unaufgeputzter, bärt'ger Gerber.
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Er denkt, und lüftet seinen Helm:
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»das ist denn doch ein armer Schelm,
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Der hat wohl auch nichts zu genießen
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Von Milch und Honig, so hier fließen;
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Daß er sich einen Pfennig spart,
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Macht mit dem Schinder er halbpart.
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Sein Duft ist wahrlich kaum zu tragen;
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Ein spöttlich Wort muß ich ihm sagen!«
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Drum, wie der König ritt vorbei,
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So seufzt' er einmal oder zwei
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Und spricht zu sich halb leis, halb laut:
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»der gerbt' auch keine stinkende Haut,
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Wenn hundert Mark des Jahrs er hätt',
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Dazu ein schönes Weib im Bett.«
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Der Gerber drauf besinnt sich nicht,
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Er schaut dem König in's Gesicht:
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»herr, sagt Ihr das zu meinen Ohren,
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So ist an mir der Wunsch verloren.
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Im Scherze wünschet Ihr mir das,
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Was ich besitz' im vollen Maß.«
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Der König sieht ihn staunend an:
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»treib deinen Spott mit mir nicht, Mann!
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Denn wisse: wenn ich abgesessen,
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Die Ecke hab' ich nicht vergessen,
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Und aus der Herberg' eil' ich her:
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Nach deinem Schatz verlangt mich sehr.«
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So ritt er fürder ohne Fährde,
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Der Gerber neigt sich bis zur Erde,
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Dann tritt er eilig in sein Haus,
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Zieht Schurz und Mütz' und Kittel aus,
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Thut ab den Schmutz im warmen Bade,
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Und schmückt sich auf des Königs Gnade:
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Da wird ein Sammtrock angelegt,
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Von Federn das Barett sich regt,
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Und von der Brust herab mit Prangen
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Läßt er ein gülden Kettlein hangen:
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Wie er wohl sonst im Sonntagsstaat
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Am höchsten Fest zur Kirche naht.
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Dann rufet er der Frauen sein,
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Die eilt an den verwahrten Schrein:
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Dort harret, künstlich zugerichtet,
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Die feine Leinwand aufgeschichtet,
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Dort leuchten Purpurwat und Seide,
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Der frische Schmuck vom Hochzeitkleide.
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Ihr Bestes wählt das junge Weib,
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Und schmücket sich den reinen Leib;
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Sie heißt die zarten, krausen Spitzen
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Am weißen Halse zierlich sitzen,
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Sie wölbt das Mieder nach der Brust,
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Die Seide schwillt und fällt mit Lust,
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Sie windet Bänder, knüpfet Schlingen,
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Die Finger zieret sie mit Ringen,
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Sie kämmt ihr langes goldnes Haar
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Und badet sich die Aeuglein klar;
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Die Zucht, die Schönheit überglüht
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Die Wange, daß sie lieblich blüht.

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Derweil durch's lange Hinterhaus
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Ziert man die hohen Stuben aus,
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Und Zimmer thut sich auf an Zimmer,
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Als schlöße sich die Reihe nimmer;
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Und mitten setzt im größten Saal
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Der reiche Mann ein fürstlich Mahl;
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Die leckersten Gerichte schmücken
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Die volle Tafel zum Erdrücken,
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Was da steht auf damastnem Grund,
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Verschmähet auch kein Königsmund;
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Aus gold- und silbernen Pokalen
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Sieht man den edlen Rheinwein stralen;
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Und oben an zum reichen Mahl
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Setzt er sein schönes Ehgemahl;
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Er selbst sich an die Thüre stellt,
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Ganz schmuck und stattlich Wache hält.
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Dort stand er eine kleine Weile,
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Als schon ein Edelknecht mit Eile
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Vor die geputzte Schwelle trat
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Und rief: »Mein Herr und König naht!«
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Und bald im Reitersrocke schlicht
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Trat ein mit freundlichem Gesicht,
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Und sah mit Staunen, starr und stumm,
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Herr Rudolph rings im Saal sich um.
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Und endlich sprach er: »Traun, verirrt
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Hat sich das Glück zu Euch, Herr Wirt!
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Ich glaub' ich bin der Bürgersmann,
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Und poche bei dem König an!
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Ja, solcher Zimmer, solcher Schätze,
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Am Tisch so wohlbesetzter Plätze,
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Und solcher Königin bei'm Schmaus
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Wär' wert ein fürstlich Herrenhaus!«
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Mit diesen Worten setzt' er sich
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Zur holden Wirtin tugendlich
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Und auf den Stuhl zu seiner Linken
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Thät er den Gerber niederwinken.
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Er trinkt vom goldnen Rheinwein gern,
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Ein schöner Mund kredenzt dem Herrn;
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Läßt zum Kapaun sich nicht erst bitten,
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Den ihm der Nachbar zugeschnitten.
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Wie er nun guter Dinge war,
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Nicht trunken von dem Weine zwar,
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Doch trunken von dem Reiz der Schönen,
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Und lüstern fast, den Mann zu krönen,
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Der doch schon halb ein König schien,
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Lockt' er mit solchen Worten ihn:
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»hört, Freund, es will mir nicht gefallen,
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Daß Ihr bei solchen Schätzen allen
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Die schmutzige Hantierung treibt;
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So reich begabt, so schön beweibt,
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Da solltet Ihr zu Hofe fahren,
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Ihr seid in Euren besten Jahren;
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Bracht's doch ein schlichter Graf zum Thron,
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Zum Ritter bringt's ein Bürger schon.
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Auch Euch, Frau Wirtin, soll's nicht reuen,
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Ihr braucht Euch nicht am Hof zu scheuen,
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Man huldigt Euch, man beugt sich tief,
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Die Schönheit ist ein Adelsbrief.«
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Der Herr in's Reden sich verlor,
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Der Gerber kratzt sich hinter'm Ohr,
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Er denkt: »Wenn mir des Königs Gnade
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So säß' in's Nest, das wär' doch schade!«
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Er hat sein Haus so klug bestellt,
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Er kennet wohl den Lauf der Welt;
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Was soll er Witz und Wahrheit sparen?
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Am besten ist's, gradaus gefahren!
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»großmächt'ger Herr!« erwiedert er,
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»euch widersprechen ist zwar schwer,
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Doch seid Ihr gut, da darf ich's wagen,
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Wie mir's um's Herz ist, Euch zu sagen.
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Mein Handwerk hat mich reich gemacht,
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Drum ehr' ich es und nehm's in Acht;
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Der Stolz, der Glanz, das üpp'ge Leben
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Macht Schätze kleiner, statt zu geben;
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So hab' ich auch die schöne Braut
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Erworben mir mit mancher Haut,
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So ihrem Vater ich gegerbt,
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Von dem ich Kunst und Geld ererbt.
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Ging' ich mit ihr auf andern Wegen,
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Glaubt mir, es brächte keinen Segen.
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Verborgenheit thut immer gut.
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Seht, wenn ich so mit frohem Mut
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Vor meiner Thür' die Häute gerbe
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Und zum Erworbnen eins erwerbe,
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Da sucht die Neugier und der Neid
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Nichts hinter meinem schmutz'gen Kleid;
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Ich koste still mein Abendmus,
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Den Becher Weins, des Weibes Kuß.
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Bei allem solchen müßt' ich beben,
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Wär' ich verdammt zum Herrenleben:
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Da schenkt' ich meinen alten Wein
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Den Neidern und den Feinden ein,
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Da mästet' ich mit meinen Braten
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Die Herrn, die morgen mich verraten,
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Am Ende schmückt' ich gar mein Weib
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(gott wend' es!) fremdem Zeitvertreib.«
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Da hub der König sich vom Mahl
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Und schritt mit Schweigen durch den Saal,
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Dreht sich noch einmal an der Schwelle,
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Und sprach verdrießlich: »Sprich, Geselle,
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Du hütest ängstlich Weib, Geld, Wein,
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Was ließest du denn mich herein?«
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Der Gerber ließ sich nicht bethören
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Noch durch den finstern Blick verstören:
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»ich habe,« sprach er fest und laut,
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»auf Euer Königsherz getraut.
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Was ist's, wenn, der uns alle schützet,
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Dacht' ich, bei meinem Weibe sitzet!
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Hätt' ich's mit Euch zu thun allein,
188
Noch heut wollt' ich am Hofe sein.«
189
Rot ward und freundlich da der König,
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Im Herzen schämt' er sich nicht wenig,
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Daß just zum Wort des Gerbers nicht
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Auch sein Gewissen Amen spricht.
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Er reicht die Hand ihm hold bei'm Scheiden,
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Die Frau befahl er stolz zu kleiden,
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Noch schöner, denn's der Mann vermag;
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Doch als er über Jahr und Tag
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Durch Basel wieder kam geritten,
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Und sah auf jener Straße Mitten
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Bei seiner Haut den Gerber stehn,
200
Hieß er sein Roß wohl fürbaß gehn,
201
Und rief ihm erst von weitem zu:
202
»verzehre, Freund, dein Mahl in Ruh'!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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