Der Fleischer von Constanz

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Gustav Schwab: Der Fleischer von Constanz (1821)

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Wohl wehrt sich die alte, die freie Stadt,
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Den herrlichen römischen Namen sie hat,
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Und römischen Mut,
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Und deutsches Blut,
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Und Christenglauben,
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Den soll ihr der spanische Henker nicht rauben!

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Drum kämpfen die Bürger vom Thurm und am Thor,
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Und dringen zur hallenden Brücke hervor,
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Es hört es der Rhein,
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Da rauschet er drein,
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Es ruft die Söhne
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Der See mit der tosenden Wellen Getöne.

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Wer streitet am kühnsten für Ehr' und für Heil?
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Das ist der Fleischer mit hauendem Beil.
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Sonst schlägt er den Stier,
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Das brüllende Thier,
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Heut muß er sie schlachten,
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Die ihm nach der Metzig, der blutigen, trachten.

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Er steht auf der Brücke zuvorderst im Schwarm,
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Den Aermel gestülpet, mit nervigtem Arm,
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Und jeder Streich
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Schlägt einen bleich,
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Da kommen die Andern:
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Zur Schlachtbank läßt er sie spöttlich wandern.

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O weh, ihr Brüder! verlasset ihr ihn?
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Es doppelt der Spanischen Heer sich, sie flieh'n,
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Sie rufen ihn mit:
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Doch keinen Schritt
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Weicht von der Stelle,
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Alle Feinde bekämpfet der kühne Geselle.

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Vorn Einer und hinten da nahet ein Paar,
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Die wildesten Knechte der stürmenden Schar,
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Sie packen in Eil'
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Des Fleischers Beil –
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Er ist verloren;
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Da denkt er: Soll ihnen nicht frommen, den Thoren!

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Zween Arme ja hat er, die fassen die zwei:
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Und wollt ihr Ein Leben, so opfr' ich Euch drei!
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Er hält sie umspannt,
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Er drängt sie zum Rand,
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Er sendet die Blicke
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Hinab zu dem schäumenden Rhein von der Brücke.

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Und schnell an's Geländer, eh' Andere nahn,
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Drückt er sie, die ringenden, kräftiglich an;
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Mit ihnen hinein
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Kopfüber zum Rhein
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Mit frohem Schwunge
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Sieht man ihn stürzen im tötlichen Sprunge.

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Die klagenden Feinde verschlinget die Flut;
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Lang wiegt sie, lang trägt sie den Bürger gut,
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Jetzt zeigt sie den Fuß,
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Den Arm, wie zum Gruß,
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Die Schultern, die blanken,
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Das lockigte Haupt und den Nacken, den schlanken.

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Da sucht ihn das fremde Geschoß, doch der Rhein,
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Hüllt fromm in den Mantel, den grünen, ihn ein.
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Er zieht ihn hinab
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In's festliche Grab,
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Dort ruht er geborgen
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Vor feindlicher Schmach bis zum ewigen Morgen.

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Dort schläft ohne Traum er den süßesten Schlaf,
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Er weiß nicht das Loos, das die Heimat ihm traf.
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Man trügt, man raubt
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Ob seinem Haupt
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Freiheit und Glauben;
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Die Märtyrerkrone wird keiner ihm rauben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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