Die Maid von Bodman

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Gustav Schwab: Die Maid von Bodman (1821)

1
Es schwillet aus den Wellen
2
Die grüne Maienau;
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Dort sitzt bei dem Gesellen
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Eine reine, süße Frau;
5
Von Bodman ist's die treue Magd,
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Ihr Herz, ihr Blüteneiland
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Hat sie ihm zugesagt.

8
»ruh' aus in meiner Laube,
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Und singe Lieder mir!
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Der Apfel und die Traube,
11
Sie blühn, sie reifen dir!«
12
Da sprach Herr Hug von Langenstein
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Und sprang empor vom Rasen:
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»nicht also soll es sein!

15
Mir ist ein Bote kommen:
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Der alte Vater gern
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Das Kreuz hätt' er genommen,
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Gehorcht dem Lehensherrn!
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So ist er krank und altersmatt,
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Den Sohn in frischer Jugend
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Schickt er an seiner Statt.«

22
Nicht traurig soll der Wille
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Des Vaters sein gethan;
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Die Maid weint in der Stille,
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Er schaut sie brünstig an:
26
»ich kehre heim, du süße Braut!
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Vertrau' dem Christ im Himmel,
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Und bleib mir hold und traut!«

29
Er schwingt sich in den Nachen,
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Die Flut trägt ihn davon,
31
Den Vater gut, den Schwachen,
32
Vertritt der starke Sohn.
33
Der Gram um seine treue Maid
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Er wird zu grimmen Streichen,
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Davon erliegt der Heid'!

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In Beten und in Sehnen
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Die Jungfrau harrt im Haus,
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Bis bei den Saracenen
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Der lange Streit ist aus.
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Es kehret heim der Kämpfer Schar,
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Sie schaut hinaus nach Einem,
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Den wird sie nicht gewahr.

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Der Herbstwind rauscht im Laube,
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Der Apfel fällt vom Baum,
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Es reift die dunkle Traube:
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War alles denn ein Traum?
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Und endlich saust der Wintersturm:
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Herr Hug er liegt gefangen
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Und wund im Heidenthurm.

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Da hat der Jungfrau Hoffen
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Recht wie ein Donnerstral
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Die böse Kunde troffen;
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Sie sitzet stumm im Saal.
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Es kam der Freier Schwarm herbe
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Die Hoffnung ist gestorben,
56
So lebet noch die Treu'! –

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Die Hoffnung ist gestorben,
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So lebet noch die Treu':
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Ob auch im Thurm verdorben
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Des Ritters Jugend sei;
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Man beut ihm Freiheit, Gold und Ehr',
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Wenn er vom Glauben lässet:
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Das thät er nimmermehr.

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Von Jahr zu Jahr sie trauern,
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Sie sinken fleh'nd auf's Knie,
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Er in den schwarzen Mauern,
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Auf grünem Eiland sie.
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Bis daß in einer Frühlingsnacht
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Das Wort des Herrn im Traume
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Ward vor sein Ohr gebracht.

71
Der Engel sprach zum Ritter:
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»auf, opfre dich dem Herrn,
73
So springt dein Kerkergitter,
74
So leitet dich sein Stern!«
75
Der Ritter denkt der süßen Frau'n,
76
Die Minne soll er opfern;
77
Doch ach! er darf sie schau'n!

78
Und einem Ritterorden
79
Gelobt er sich im Traum; –
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Sieh da, erfüllt ist worden,
81
Was schien unmöglich kaum.
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Denn als er aus dem Schlaf erwacht,
83
Das Kerkerthor steht offen
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In sternenheller Nacht.

85
Er pflegt' in jungen Jahren
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Der Sterne Wissenschaft,
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So zieht er, wohlerfahren,
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Gott stärket seine Kraft,
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Er führt ihn durch den heißen Sand,
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Und unter wilden Völkern,
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Bis an des Meeres Strand.

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Durch Sturm und Felsenriffe
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Bringt schnell und sicher ihn
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Auf einem Christenschiffe
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Der Herr zur Heimat hin;
96
Bald unter deutschem Blütenschnee
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Steht er am alten Ufer
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Und rudert durch den See.

99
Und aus den Wellenschäumen,
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Erfrischt vom Morgenthau,
101
Mit Reben, Wiesen, Bäumen,
102
Winkt grün die Maienau;
103
Und eine selige Gestalt
104
Die Arm' entgegenbreitend
105
Ruft ihn mit Allgewalt.

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Da wird sein Auge trüber,
107
Sein Haupt fällt auf die Brust,
108
Er lenkt den Kahn hinüber
109
Von Liebe weg und Lust.
110
Im Walde vor dem Landcomthur
111
Steht er: im deutschen Orden
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Will Gott er dienen nur!

113
Und einen Freund er sendet
114
Zur grünen Maienau,
115
Den letzten Gruß er spendet
116
Der herzgeliebten Frau.
117
Da losch die Hochzeitfackel aus,
118
Die ihr im Geist entglommen,
119
Und starb in Nacht und Graus.

120
Und als aus tiefem Leide
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Sie wieder hob den Blick,
122
Da glänzt im Blumenkleide
123
Das Eiland, wie im Glück;
124
Da goß ein Rebenblütenduft
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So süß Erinnrungsträume
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Durch die gewürzte Luft.

127
Jetzt kam, was Ruhe bringet,
128
Ihr vor die Seele hell,
129
Die Flut, die sie umringet,
130
Zertheilt ihr Nachen schnell;
131
Es geht die schöne blasse Maid
132
Durch ferne Lande schweigend,
133
Im Blick der Liebe Leid.

134
Bald wird ihr Auge dreister,
135
Und kecker wird ihr Schritt,
136
Und vor des Ordens Meister,
137
Den obersten, sie tritt.
138
Sie sprach: »Nehmt hin, was noch ist mein,
139
Zu Gottes Eigentume,
140
Ein reiches Inselein!

141
Es scheinet warm die Sonne
142
Und pflegt die Rebe drauf,
143
Und Früchte glühn in Wonne,
144
Und Saaten gehen auf.
145
Doch Eines, Eines bitt' ich nur,
146
Herr Langenstein, der Ritter,
147
Der werde dort Comthur!«

148
Der Meister ihr gewähret
149
Die fromme Bitte gern;
150
Da war ihr Wunsch erhöret,
151
Wie dankte sie dem Herrn!
152
Da schied sie, Thränen in dem Blick.
153
Da glänzet hell im Herzen
154
Zugleich des Liebsten Glück.

155
»so sind doch Ihm die Reben,
156
Die Felder Ihm gebaut!
157
Ihn wird die Laub' umweben,
158
Die mich und Ihn geschaut!
159
Und wo zusammen wir gefleht,
160
Ach, in der Burgkapelle,
161
Da tönt doch sein Gebet!«

162
Wohin die Maid geflüchtet,
163
Wo sie verweint die Zeit,
164
Das hat kein Mund berichtet,
165
Begraben ist ihr Leid;
166
Doch in dem neuen Ordenshaus,
167
Da tönte durch die Wellen
168
Ein ernster Sang hinaus: –

169
»o Gottesminne, hehre,
170
Du hast gelenkt mein Schiff
171
Auf sturmbewegtem Meere
172
Vorbei am Felsenriff.
173
Doch sanfte Still' und wahre Ruh',
174
Die hab' ich nie genossen,
175
Wann deckt das Grab mich zu?«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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