Fridolin, der fromme Schotte

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Gustav Schwab: Fridolin, der fromme Schotte Titel entspricht 1. Vers(1821)

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Fridolin, der fromme Schotte,
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Trat vor Landolph hin, den Grafen:
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Sprach: »Was Gottes ist, gieb Gotte!
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Ist dein Bruder nicht entschlafen?
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Der zu seiner Seele Frieden
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Meinem heil'gen Gotteshause
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Gut und Habe zubeschieden,
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Liegt zu Glaris in der Klause.
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Warum erntest du die Felder,
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Die dem Herrn zu schneiden wären,
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Warum fällest du die Wälder,
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Die dem Kirchenbau gehören?
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Wagest du's, den Rausch zu trinken
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Von dem roten Ehrenweine,
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Der im heil'gen Kelch soll blinken?
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Kirchengut, ist es das deine?
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Laß von deines Bruders Gabe,
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Wald und Feld und Garten räume,
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Daß der Bruder in dem Grabe
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Sanfter lieg' und besser träume.«
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Aber Landolph sprach mit Lachen:
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»soll ich deinem Spruch mich beugen,
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Muß der Bruder erst erwachen,
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Deine Worte selbst bezeugen!
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Kannst du ihn herauf beschwören
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Wenn zu Rangkwil wird gerichtet,
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Wohl, dann mögen wir dich hören,
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Sonst ist's Lug, den du erdichtet!«
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Fridolin auf solche Tücke
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Würdiget kein Wort zu sprechen,
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Sieht ihn an mit einem Blicke,
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Der durch Gräber könnte brechen,
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Und von Seckingen am Rheine
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Aus dem Kloster, an dem Stabe
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Zog der Greis durch's Waldgesteine
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Bis gen Glaris zu dem Grabe.
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Und er trat bei'm Abendschauer
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In die düstre Waldkapelle,
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Er durchbricht des Grabes Mauer,
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Stellt sich auf die kalte Schwelle.
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»auf, erwach in Gottes Namen,«
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Ruft er, »Urso, wehr' den Tücken:
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Sieh! und aus der Grube kamen
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Weiße Händ' und Haupt und Rücken.
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Und als ob des Herrn Posaunen
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Zum Gerichte schon gerufen,
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Steigt der Leichnam sonder Staunen
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Starr empor des Grabes Stufen.
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Und es faßt die kalten Hände
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Fridolin ihm, frei von Schrecken,
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Steigt mit ihm die Felsenwände
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Auf, bis an der Gletscher Decken.
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Durch das Hochgebirge schreitet
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Der Lebend'ge mit der Leiche,
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Und die Nacht den Mantel spreitet
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Um das Paar, das geistergleiche.
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Wie der Morgen schon sich wittert,
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Steigen sie vom Felsgesteine,
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Und es sieht's der Senn', erzittert,
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Daß ihm's geht durch Mark und Beine.
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Aber Landolph im Gerichte
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Sitzt zu Rangkwil ohne Zagen,
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Mit dem ersten Morgenlichte
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Hat den Stuhl er aufgeschlagen.
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Schöppen zwölf, des Rechtes Hüter,
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Sitzen um ihn her, zu sprechen:
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Jetzt erhält er
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Kein Verblichner kann sich rächen!
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Sieh, da pocht es an der Pforte,
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Wie von eines Toten Knochen
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Leis und scharf; und hohle Worte
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Werden draußen schon gesprochen.
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Durch die Thüre kommt geschritten
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Fridolin mit seiner Leiche,
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Landolph in der Richter Mitten
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Sitzt – dem Bruder gleich an Bleiche.«
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Weh! und aus des Toten Kehle
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Steigen Laute, halb verloren:
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»was beraubst du meine Seele,
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Bruder!« Weht's ihm durch die Ohren.
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»ja, ich zeuge diesem Frommen,
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Daß mein Erb' ihm zugefallen,
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Gieb zurück, was du genommen,
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Laß getrost in's Grab mich wallen!«
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Landolph sank in's Knie mit Beben:
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»nimm dein Gut, Herr, nimm das meine,
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Meinen Athem nimm, mein Leben!
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Und behalte neu das Deine!«
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Doch es wandte sich die Leiche
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Mit dem Führer in die Berge,
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Sehnte sich, die müde, bleiche,
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Nach der stillen Ruh der Särge.
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Wie des Abendlichtes Streifen,
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Wie vom Mond zwei blasse Stralen,
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Sah man längs dem Berg sie schweifen,
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Bis sie in den Wald sich stahlen.
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Und vom schrecklichen Gerichte
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Eilet Landolph heim zum Rheine,
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Mit erbleichtem Angesichte
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Ordnet er zu Haus das Seine.
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Setzt das Kloster ein zum Erben
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Seiner reichen Doppelhabe,
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Neigt das Haupt zum sanften Sterben,
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Ruht bei'm Bruder in dem Grabe.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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