Eberhard der Gütige zu Göppingen am Brunnen

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Gustav Schwab: Eberhard der Gütige zu Göppingen am Brunnen (1821)

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»ach Graf, Ihr seid so bleich und krank,
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Euch kann der kühle Felsentrank
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Aus unserm Quell nicht heilen!
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Nehmt Abschied Euch von Berg und Flur,
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Und denkt an Eure Seele nur,
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Sie will von hinnen eilen!«

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Der Arzt mit traurigem Gesicht
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Zum güt'gen Eberhard es spricht;
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Mit Lächeln der es höret:
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»dich lob' ich, daß du ehrlich bist,
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Doch hat mich noch zu dieser Frist
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Die Warnung nicht verstöret.«

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»o schmäht nicht, Herr, die treue Kunst!«
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»nicht schmäh' ich, doch des Himmels Gunst
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Gab mir ein besser Zeichen.
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Wohl fertig bin ich längst zu gehn,
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Doch eh' zwei Dinge sind geschehn,
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Darf ich noch nicht erbleichen!

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Du siehst mich an und gläubst mir nicht,
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So höre, was des Herrn Gesicht
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Im Traume mir verheißen:
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Mir soll, eh' läßt das blüh'nde Weib,
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Die Nachbarin, den jungen Leib,
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Das Lebensband nicht reißen.«

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Der Arzt blickt aus dem Fenster bang,
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Es ruht die Straße breit und lang,
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In öder Mittagsstunde;
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Nur aus dem stillen Nachbarhaus
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Ein grauer Priester wankt heraus
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Und fleht mit leisem Munde.

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Der Graf ermannet sich und spricht:
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»verbergt mir, frommer Vater, nicht,
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Wem habt Ihr zugesprochen?«
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Da ruft ihm zu der ernste Greis:
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»es hat ein jung und blühend Reis
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Der Gärtner abgebrochen!«

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Und mit dem heil'gen Sakrament,
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Und mit dem Docht, der zagend brennt,
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Wankt so der Alte weiter:
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Doch ob der Arzt auch seufzt und schweigt,
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Und sein betrübtes Antlitz neigt,
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Des Grafen Blick ist heiter!

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»ja, zarte Blumen welken bald!
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Die Bäume stehn und werden alt,
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Drum bleib' ich ungestorben!
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Mein zweiter Traum mir treu verspricht,
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Daß meiner Hütte Bau nicht bricht,
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Eh' daß ein Baum verdorben!

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Siehst du dort in des Hofes Raum
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Den schlanken, mächt'gen Eichenbaum?
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Er grünt vom Fuß zum Gipfel.
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Das ist der zweite sichre Spruch:
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Ihr legt mich nicht in's Leichentuch,
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Eh denn verdorrt sein Wipfel.«

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Und sieh, der Sonne Schein vergeht,
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Und sieh, die schwüle Windsbraut weht,
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Am Himmel zürnt das Wetter,
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Der erste Stral, der niederfährt,
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Der hat den Eichenstamm versehrt,
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Versengt ihm alle Blätter.

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Der Graf hebt sich von seinem Sitz,
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Er glaubt dem Donner und dem Blitz,
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Er hört des Herren Stimme.
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»ich komme bald, ich bin bereit,
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Laß nur zur Beichte, Herr, mir Zeit,
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Nicht fodre mich im Grimme!«

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Hin wankt er, wo der Quell sich rührt,
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Vom Priester und vom Arzt geführt,
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Zu beichten und zu lauschen.
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Er schlummert ein bei'm Sprudel hell,
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Erwachend hört er dann den Quell
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Des ew'gen Lebens rauschen. –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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