Schloß Lichtenstein

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Gustav Schwab: Schloß Lichtenstein (1821)

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In einem tiefen grünen Thal
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Steigt auf ein Fels, als wie ein Stral,
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Drauf schaut das Schlößlein Lichtenstein
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Vergnüglich in die Welt hinein.

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In dieser abgeschiednen Au',
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Da baut' es eine Ritterfrau,
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Sie war der Welt und Menschen satt,
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Auf den Bergen sucht sie eine Statt.

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Den Fels umklammert des Schlosses Grund,
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Zu jeder Seiten gähnt ein Schlund,
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Die Treppen müssen, die Wände von Stein,
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Die Böden ausgegossen sein.

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So kann es trotzen Wetter und Sturm,
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Die Frau wohnt sicher auf ihrem Thurm,
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Sie schauet tief in's Thal hinab,
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Auf die Dörfer und Felder, wie in's Grab.

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»die blaue Luft, der Sonnenschein,«
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Spricht sie, »der Wälder Klang ist mein,
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Eine Feindin bin ich aller Welt,
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Zu Gottes Freundin doch bestellt.«

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Mit diesem Spruch sie lebt' und starb,
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Davon das Schloß sich Ruhm erwarb,
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Seit wohnte drauf manch ein Menschenfeind,
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Und ward in der Höhe Gottes Freund.

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Und als vergangen hundert Jahr,
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Ein Menschenfeind auch droben war,
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Lang hatt' er an keinen Menschen gedacht,
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Da pocht' es einsmals an zu Nacht.

29
»es ist ein einz'ger vertriebner Mann,
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Der Welt Feind wohl er sich nennen kann,
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Herr Ulrich ist's von Wirtemberg,
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Zu Gaste will er auf diesen Berg.«

33
Der Andre hat ihm aufgemacht,
34
Er nimmt des Fürsten wohl in Acht;
35
Er zeiget ihm das finstre Thal,
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Das weit sich dehnt im Mondenstral.

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Der Herzog schaut hinunter lang,
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Er spricht mit einem Seufzer bang:
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»wie fern, ach! von mir abgewandt,
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Wie tief, wie tief liegst du, mein Land!«

41
»auf meiner Burg, Herr Herzog, ja!
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Ist Erde fern, doch Himmel nah;
43
Wer schaut hinauf, und wohnt nicht gern
44
Im Himmelreich von Mond und Stern?«

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Da hebt der Herzog seinen Blick,
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Und sieht nicht wieder auf's Land zurück;
47
Von Nacht zu Nacht wird er nicht satt,
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Bis er es wohl verstanden hat.

49
Und als nach manchem schweren Jahr
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Er wieder Herr vom Lande war,
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Da hat er alles wohl bestellt,
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Und hieß ein Freund von Gott und Welt.

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Wie hat er erworben solche Gunst?
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Wo hat er erlernet solche Kunst?
55
In des Himmels Buch, auf Lichtenstein,
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Da hat er's gelesen im Sternenschein.

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Das Schloß zerfiel, es ward daraus
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Ein leichtgezimmert Försterhaus;
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Doch schonet sein der Winde Stoß,
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Meint, es sei noch das alte Schloß.

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Und einsam ist es jetzt nicht mehr,
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Es kommt der Gäste fröhlich Heer,
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Aus einer
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Doch Menschenfeinde sind es nie.

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Manch holdes Mädchenangesicht
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Läßt leuchten seiner Augen Licht,
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Da führt mit Recht in solchem Schein
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Das Schloß den Namen Lichtenstein.

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Die Männer stolz, die Mägdlein frisch,
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Sie sitzen alle um Einen Tisch,
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Die Erde lächelt herauf so hold,
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Es stralt am Himmel der Sonne Gold.

73
Sie spenden von des Weines Thau
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Dem Herzog und der Edelfrau,
75
Sie bitten sie, dies Schlößlein gut
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Zu nehmen in ihre fromme Hut.

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Und ziehn sie ab, mit einer Brust
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Voll Gotteslieb' und Menschenlust,
79
Dann steht im späten Sternenschein
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Einsam und selig der Lichtenstein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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