Die Steinlacherin und der Russe

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Gustav Schwab: Die Steinlacherin und der Russe (1821)

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Dort steht der fremde Feldhauptmann
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Den Mägden zu Gefallen,
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Er sieht sich keck die Weiber an,
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Die aus der Kirche wallen.

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Ein Mägdlein tritt zuletzt heraus,
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Die schönst' im ganzen Flecken,
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Sie schickt die blauen Augen aus,
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Und ruft sie heim vor Schrecken.

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Es säumt geheimnißvoll der Flor
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Die langen Augenlider,
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Es drängt die keusche Brust hervor
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Das weiche Scharlachmieder.

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Auf blanken Spitzen lagern sich
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Des Haares braune Flechten,
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Die linke Hand liegt tugendlich
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Am Gürtel auf der rechten.

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Sie schreitet fürder mit dem Buch
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Zu Hause fromm und munter,
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Noch ferne glänzt das blaue Tuch,
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Es wallt den Leib herunter.

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Der Kriegsmann geht, im Blicke Glut,
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Wie tiefdurchglühte Kohlen,
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Dem Wirt befiehlt sein Uebermut,
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Die junge Magd zu holen.

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Die bärt'ge Lippe rühret er
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Zu raschem, kurzem Worte,
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Da trägt der Wirt ein Herz gar schwer
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Zu seines Nachbars Pforte.

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Der graue Vater hört's mit Harm,
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Hat seinen Gram verborgen:
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»komm,« spricht er, »Kind, an meinem Arm;
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Laß den im Himmel sorgen!«

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So führt er sie dem Hause zu,
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Er wappnet sich zum Streite:
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»nach meinem Kind, Herr, fragtest du?
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Hier steht es mir zur Seite.«

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Die Jungfrau lehnt sich an den Greis,
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Mit zagendem Vertrauen,
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Es war an seiner Locken Eis
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Ihr Blütenhaupt zu schauen.

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Der Jüngling aber stellt sich fern,
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Er scheut, sie zu verletzen,
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Er winkt mit regem Augenstern,
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Bis sie sich beide setzen.

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Dann setzt er sich zu unterst an,
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Wo er im Sonnenlichte
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Sich recht ergehn und laben kann
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Auf ihrem Angesichte.

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Er blickt in ihrer Wangen Blut,
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In ihrer Augen Bläue,
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Die Hand ihm auf der Stirne ruht,
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Er schaut, und schaut auf's Neue.

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Da weicht aus seiner Brust die Pein,
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Da wird sein Auge milde,
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Sein Sinn wird still, sein Herz wird rein
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Vor Gottes Ebenbilde.

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Es läßt sein Mund aus rauhem Bart
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Ein kindlich Lächeln schauen,
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Bethränte Blicke weben zart
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Sich unter dunkeln Brauen.

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Dann steht er auf und reißt sich los,
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Langt nach des Vaters Händen,
63
Warf einen Ring ihm in den Schoos,
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Und thät sich schweigend wenden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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