3
Auf dem Marktplatz war, dem grauen,
4
Bis auf diese Zeit zu schauen
5
Dort ein Kunstwerk seltner Art,
6
Aus dem Altertum bewahrt.
7
Auf dem Brunnen, der aus Stein
8
Gießt ein Wasser hell und rein,
9
Stand, entlehnt vom Wappenschild
10
Unsrer Stadt, ein Marmorbild.
11
Mutig, wachsam, aufgerichtet,
12
Stolz wie ihn die Fabel dichtet,
13
Schön und furchtbar anzusehn
14
Sah man einen Löwen stehn;
15
Auf dem schlanken Säulensteine
16
Ruhen seine Hinterbeine,
18
Reckt er aus in edlem Zorn.
19
Und, als dürft' er Beute machen,
20
Gähnt er mit dem weiten Rachen,
21
Spitze Zung' aus offnem Schlunde,
22
Nach dem Brauch der Wappenkunde.
23
Wer ihn sah, verwundert stand,
24
Pries des alten Künstlers Hand,
25
Der dem Stein ein solches Leben,
26
Solchen Schmuck der Stadt gegeben.
27
Unterdessen ist's gekommen,
28
Daß ein Feuer ist entglommen,
29
Das am ganzen Markt gezehrt,
30
Doch den Brunnen nicht versehrt.
31
Drauf begann man frisch zu bauen,
32
Daß der Markt ward schön zu schauen,
33
Da erstieg das Rathaus neu:
34
Gegenüber stand der Leu.
35
Wer ein neues Rathaus hat,
36
Wählt auch einen neuen Rat,
37
Daß in der erneuten Halle
38
Auch die Weisheit neu erschalle.
39
Solches that auch Löwenthal:
40
Bald erschien zum erstenmal
41
In des edlen Rates Kreis
42
Der gelahrte Stadtschultheiß.
43
Welche wird wohl heut beraten
44
Erste von den großen Thaten,
46
Jeder gleich zu Anfang kennt?
47
Sinnend ist mit finstern Brauen
48
Dort der Schultheiß anzuschauen,
49
Hat durch's Fenster unverwandt
50
Starre Blicke lang gesandt.
51
Endlich fährt er nach dem Sitz,
52
Auf den Lippen Schwert und Blitz:
53
»trifft uns so verruchte Schmach,
54
Ruft er, schon am ersten Tag?
55
So die Ehrfurcht frech verletzen,
56
Höhnisch trotzen den Gesetzen!
57
Seid ihr blind, ihr Herrn Collegen?« –
58
Nein, sie glotzen ihm entgegen. –
59
»nun so schaut durch's Fenster doch,
60
Schauet, knirscht und läugnet noch!
61
Dort, das unverschämte Thier,
62
Das aus lautrem Mitleid wir,
63
Als wir neu gebaut die Gassen,
64
Altes Machwerk, stehen lassen,
66
Streckt es seine Zung' heraus.«
67
Da durchbebt das Haus der Schall,
68
Kaum gebaut droht es den Fall;
69
Denn das Zürnen seiner Räte
70
Rüttelt an der festen Stätte.
71
Ruhe schafft der Schultheiß wieder;
72
Schlägt die Leidenschaften nieder,
73
Weil er schleunig Recht verspricht,
74
Auf der Stelle hält Gericht.
75
Sechse schreien, zu den Flammen
76
Schnell die Bestie zu verdammen!
77
Dieser Rat behaget allen,
78
Bis es einem eingefallen,
79
Daß der Löwe sei von Stein:
80
Darum stimmen sie mit Nein.
81
»nun so werfe man den Graus
82
Ewig aus der Stadt hinaus.«
83
Weiser Antrag! Doch bei Seite
84
Legt man ihn nach langem Streite:
85
»wer des Volkes Launen weiß,
86
Spricht der kluge Stadtschultheiß,
87
Hofft von diesem Mittel wenig;
88
Heute sind sie unterthänig,
89
Morgen fluchen sie dem Rat,
90
Der nicht, was sie wollten, that;
91
Flugs erscheinet übernacht
92
Auch das Thier auf alter Wacht,
93
Grinzt mit seiner bösen Fratzen,
94
Daß wir dann erst möchten platzen!
95
Horcht auf meinen Rat, ihr Herrn,
96
Den mir giebt mein guter Stern.
97
Sei dem Gliede, das gesündigt,
98
Unbarmherz'ger Tod verkündigt,
99
Und noch vor der heut'gen Nacht
100
Sei's vom Steinmetz rasch vollbracht.
101
Ist nur erst die Zunge fort,
102
Mag es stehn am alten Ort.
103
Hat es keine Zung' im Schlund,
104
Ist's, wie ohne Zahn ein Hund!«
105
Eilig wird der Spruch vollzogen,
106
Schon ist von des Volkes Wogen
107
Rings der ganze Mark umwallt,
108
Denn das Rathausglöcklein schallt.
109
Dem verstockten Delinquenten
110
Wird der löblichen Regenten
111
Gnädigs Urtheil publicirt,
112
Alsobald der Streich geführt:
113
Und mit einem Hammerschlag
114
Drunten auch die Zunge lag.
115
Volk und Rat muß herzlich lachen,
116
Wie so albern gähnt sein Rachen,
117
Bang und schläfrig, dumm und faul,
118
So ist's gar kein Löwenmaul!
119
Nur der Steinmetz, der's vollbracht,
120
Hat ein trüb Gesicht gemacht;
121
Denn es fühlten seine Geister
122
Etwas von dem alten Meister,
123
Und ihn dauert's, daß man schände
124
So das Kunstwerk seiner Hände.
125
Aber stolz auf seine That
126
Zieht der hochwohlweise Rat
127
In des Stadtschultheißen Haus,
128
Feiert sie mit einem Schmaus.
129
Als nun bei'm gefüllten Becher
130
Der gehöhnten Würde Rächer
131
Bis zur späten Mitternacht
132
Wohlbehaglich durchgewacht,
133
Legt ein jeder seine Glieder
134
Auf den eig'nen Lorbeer nieder;
135
Und am tiefsten schnarcht zum Preis
136
Seines Weins der Stadtschultheiß.
137
Doch ein furchtbar Traumgesicht
138
Gönnt ihm seine Ruhe nicht;
139
Unter jähem Donnerschlage
140
Macht ein Blitz die Nacht zum Tage.
141
Fieber schüttelt seinen Leib,
142
Und ein riesenhaftes Weib
143
Steht vor seinem Bette plötzlich,
144
Blickt aus schönem Aug' entsetzlich,
145
Steht und weichet nicht vom Ort.
146
Jener spricht ein stammelnd Wort:
147
»frau, wer seid ihr, mit Vergunst?« –
148
»wisse, Mensch; ich bin die Kunst.
149
Wohn' ich doch selbst bei Barbaren;
150
Hast du nie von mir erfahren,
151
Daß du gegen mich zuerst
152
Deine blöde Weisheit kehrst?
153
Du verdientest, daß mein Blitz
154
Führ' in deinen schnöden Witz.
155
Deiner Thorheit jammert mich,
156
Darum, Wurm, verschon' ich dich,
157
Doch damit ihr ungestraft
158
Nicht mein edles Bildwerk traft,
159
Zeichne meines Hohnes Stempel
160
Euch zum ewigen Exempel,
161
Und wer euren Markt besuchet
162
Schaue, wie ich ihn verfluchet!«
163
Nebel hüllt die Göttin ein,
164
Und der Schultheiß ist allein;
165
Leib und Seel' erstarrt zu Eis
166
Liegt er lang in kaltem Schweiß.
167
Sieh! da hat sein Ehgemahl,
168
Das im ersten Sonnenstral
169
An die Wirtschaft frisch gegangen,
170
Lauten Jammer angefangen,
171
Ruft den Mann an's Fenster schnell,
172
Wo der Markt wird eben hell.
173
»wehe,« spricht er, »wuchs dem Leuen
174
Eine Zunge wohl von Neuen?«
175
»wollte Gott, nur das, doch schau,
176
Schau doch selber!« schreit die Frau.
177
Und er schaut im Morgenrot,
178
Was vom Brunnen nieder droht:
179
Auf der schmucken Säulen Spitzen,
180
Sieht aus plumpem Stein er sitzen
181
Einen Esel grau und schändlich,
182
Und sein Ohrenpaar unendlich,
183
Just dem Rathaus zugenickt,
184
Und kein Leu wird mehr erblickt.
185
Wohl erkennt er da mit Zagen
186
Schon die Hand, so ihn geschlagen;
187
Zu dem Steinmetz schickt er doch;
188
Eine Hoffnung bleibet noch!
189
Eh' der Leute Spott ihn geißelt,
190
Ist die Schmach herabgemeißelt!
191
Jener kommt, und in der Brust
192
Birgt er schauend kaum die Lust;
193
An das Werk er dennoch gehet,
194
Weil der Herr so ängstlich flehet.
195
Doch umsonst ist alles Eilen,
196
Denn es brechen Meißel, Feilen,
197
Und den mächtigen Granit
198
Nimmt kein Keil und Hammer mit;
199
Mit der Säul' ist er vermählt,
200
Alle Kraft umsonst sich quält. –
201
Und der Meister fleucht die Stätte;
202
Und der Schultheiß kreucht in's Bette,
203
Birgt die Scham im Federnpfühl,
204
Und das Ohr vor dem Gewühl,
205
Das sich auf dem Markte sammelt,
206
Schrecken, Spott und Flüche stammelt.
207
Was da weiter ist geschehn,
208
Leser, magst du fragen gehn;
209
Wirst du zu der Stadt geführet,
210
Deren Markt ein Esel zieret;
211
Leser, das ist Löwenthal,
212
Dort erfährst du's wohl einmal.