Die Wurmlinger Kapelle

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Gustav Schwab: Die Wurmlinger Kapelle (1821)

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Von Calw Graf Anselm lag am Tod,
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Ein stark und frommer Grafe,
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Er ging mit vollen Sinnen ein
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Zum allerletzten Schlafe;

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Er prüfte mit dem Auge so hell,
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Als zög' er hinaus auf's Jagen,
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Er sprach mit seiner Zunge so klar,
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Als rief' er im Feld zum Schlagen.

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Er sprach: »Ich kann durch's Fenster sehn
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Den Kirchhof mit den Steinen,
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Die Sonne mag ihn mit ihrem Licht
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Nicht einmal Jahrs bescheinen.

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Ich habe gelebt auf Bergen frei
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In Schlachten und in Siegen,
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Ueber Berge zog ich in's heilige Land,
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Auf Bergen möcht' ich liegen.

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Es ist vergangen kein einziger Tag,
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Daß ich nicht zog in die Ferne,
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Ich führ' als tot in die weite Welt
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Noch Einmal gar zu gerne.

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So spannt vor einen Wagen bald
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Ein tüchtig Paar von Stieren,
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Die schickt mit meinem Sarg hinaus,
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Doch keiner soll sie regieren.

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Und wenn sie halten auf einem Berg,
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Macht dort mir ein Grab zur Stelle,
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Und baut zu Gottes Ehren auf
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Eine heilige Kapelle.«

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Und als der Graf verschieden war,
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That man nach seinem Willen,
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Auf schwarzem Wagen zwei schwarze Stier'
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Zieh'n steinernen Sarg im Stillen.

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Sie ziehen mitten durch's Ackerfeld,
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Es will es keiner wehren,
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Der Pflüger weicht und betet fromm
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Dem toten Herrn zu Ehren.

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Sie ziehn vom Morgen bis zur Nacht,
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Und wieder bis zum Morgen,
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Da machen sich die Diener auf,
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Zu suchen und zu sorgen.

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Sie fragen nach der irren Spur
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Mit Worten lange, mit Blicken,
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Bis sie auf einem steilen Berg,
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Fern das Gespann erblicken.

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Der Berg ragt wie ein Thurmesdach,
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Dahin sie ihn getragen,
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Die Stiere brachten ihn wohl hinauf,
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Der Sarg fiel nicht vom Wagen.

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Die Diener stellen sich um den Sarg,
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Sie singen zu Gottes Preise,
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Daß er so wohl gelingen ließ
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Dem Herrn die letzte Reise.

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Von vielen Dörfern tönt herauf
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Ein frommes Grabgeläute,
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Die Berge glühn in der Sonne Gold,
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Als ob sie ihm Blumen streute.

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Und wie den Sarg man öffnet noch,
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Des Grafen Aug' ist offen,
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Als hätt' ihn Berges Luft und Licht
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Mit weckender Macht getroffen.

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Auch liegt der Abendsonne Schein
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So rot auf Lippen und Wangen:
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Es war, als wäre der bleiche Tod
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Vor seinem Stral vergangen.

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Doch senkten ihn die Diener ein
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Nach seinem Wunsch, zur Stelle,
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Als Grundstein weihten sie den Sarg
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Zur heiligen Kapelle.

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Von drunten kommen auf deren Klang
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Seitdem viel Tote zu schlafen,
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Das ganze, tiefe Dorf will ruhn
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Auf hohem Berge bei'm Grafen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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