Das Eßlinger Mädchen

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Gustav Schwab: Das Eßlinger Mädchen (1821)

1
Mit seinen wütigen Scharen
2
Gezogen kam durch's Neckarthal,
3
Gen Eßlingen gefahren.
4
Und auf der Burg da sitzt er schon,
5
Man hört ihn lachend sprechen,
6
Wie er die Stadt zum Trotz und Hohn
7
Am andern Tag will brechen.

8
Er tritt zu äußerst auf den Wall
9
Am Pulverdampf sich labend,
10
Der wolkig zieht, mit seinem Schwall
11
Die ganze Stadt begrabend.
12
Doch wie den Qualm zertheilt der Wind,
13
Sieht er ein Häuslein stehen,
14
Daraus ein schönes Bürgerkind
15
In halbem Nebel gehen.

16
Er ist in welscher Glut entbrannt:
17
»das Mägdlein will ich haben!
18
Es giebt in diesem Schwabenland
19
So viele schöne Gaben;
20
Mir will der Wein in diesem Thal
21
Schier wie der heim'sche munden,
22
Darum verlangt mein Herz zumal
23
Nach heim'schen Schäferstunden!«

24
Noch an demselben Abend steht
25
Ein Herold vor den Thoren,
26
Und an die Stadt sein Ruf ergeht:
27
Will sie nicht sein verloren,
28
Soll sie alsbald die schöne Magd
29
Dem argen Dränger senden,
30
Sonst raucht die Stadt, sobald es tagt,
31
Von tausend Feuerbränden.

32
Der frommen Bürger Antwort hat
33
In gutem Deutsch geklungen:
34
»von einer freien Reichesstadt
35
Wird solches nicht bedungen;
36
Wir gehen freudig in den Fall,
37
Wenn keine Seel' verdorben,
38
Und sterben unsre Töchter all,
39
So sind sie keusch gestorben!«

40
Der andre Morgen dämmert still,
41
Die Glocken alle schallen,
42
Die Stadt als Eine Seele will
43
Gen Himmel betend wallen.
44
Da schmückt sich bei der Glocke Klang
45
Die Jungfrau auserkoren,
46
Zur Kirche wallt des Volkes Drang
47
Sie wandelt nach den Thoren.

48
Auf geht die Pforte kaum berührt,
49
War's durch die Hand der Wächter?
50
War's Gottes Arm, der helfend führt
51
Die reinste seiner Töchter?
52
Durch Freund' und Feinde frei sie geht,
53
Die Magd mit stillem Tritte,
54
Hinauf bis wo die Fahne weht
55
Von Melac's Lagerhütte.

56
Gesprungen war er auf in Wut,
57
Weil ihn ein Traum betrogen,
58
Der ihm von heißer Küsse Glut
59
Betrüglich vorgelogen;
60
Er wirft sich in die Waffen stolz:
61
Sie sollen's alle fühlen!
62
Am dürren und am grünen Holz
63
Will seine Brunst sich kühlen.

64
Wie er will schreiten aus dem Saal,
65
Sieht er die Thüre gehen,
66
Und mit dem ersten Sonnenstral
67
Die Jungfrau vor sich stehen;
68
Mit ihrem Häublein spielt das Licht
69
Als einem Heil'genscheine,
70
Aus ihrem blauen Auge bricht
71
Des deutschen Sinnes Reine.

72
Nicht Angst, nicht andre Regung zückt
73
Durch ihre schlanken Glieder,
74
Die Brust mit frischem Strauß geschmückt
75
Wallt friedlich unter'm Mieder;
76
Die Hände fromm gefaltet sind,
77
Schlicht sind die blonden Locken,
78
Sie schaut ihm, wie ein fragend Kind,
79
In's Antlitz unerschrocken.

80
So deutscher Schönheit klares Licht
81
Es leuchtet ihm entgegen,
82
Auf sein geblendet Angesicht
83
Muß er die Hände legen.
84
Gehemmt ist ihm das welsche Wort
85
Aus seiner schnellen Zungen,
86
Es zieht ihn rückwärts, treibt ihn fort,
87
Hat ihn auf's Pferd geschwungen.

88
Hinaus mit seiner Schar in's Thal
89
Jagt's ihn weit in die Ferne,
90
Als fürchtet' er den Blitzesstral
91
Aus ihrem Augensterne. –
92
Die Glocken sind noch nicht verhallt,
93
Da wandelt zu den Thoren
94
Herein die fromme Magdgestalt,
95
Siegreich und unverloren.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.