Der Riese von Marbach

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Gustav Schwab: Der Riese von Marbach (1821)

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Seht ihr wie freundlich sich die Stadt
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Im Neckarfluß beschauet?
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Wie sie sich ihre Berge hat
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Mit Reben wohl bebauet?
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Dort, wie die alte Chronik spricht,
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Hat vor viel Jahren dumpf und dicht
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Ein Tannenwald gegrauet.

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Gelegen hat ein Riese drin,
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Ein furchtbar alter Heide,
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Er bracht' in seinem wilden Sinn
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Das Schwert nicht in die Scheide,
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Er zog auf Mord und Raub hinaus,
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Und baute hier sein finstres Haus
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Dem ganzen Gau zu Leide.

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Die Steine zu dem Riesenhaus,
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Ganz schwarz und unbehauen,
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Grub er sich mit den Händen aus,
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Fing eilig an zu bauen;
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Er warf sie auf die Erde nur,
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Daß einer auf den andern fuhr,
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Bis fertig war das Grauen.

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Es sei der Riese, sagt das Buch,
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Aus Asia gekommen,
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Ein Heidengötz', ein alter Fluch,
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Zum Schrecken aller Frommen:
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Davon Marbach, der Schreckensort,
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Den Namen angenommen.

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Die Steine längst verschwunden sind,
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Der Wald ist ausgereutet,
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Ein Märchen ward's für Kindeskind,
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Das wenig mehr bedeutet;
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Doch horchet wohl auf meinen Sang,
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Der nicht umsonst mit seinem Klang
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Es jetzt zurück euch läutet.

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Denn ob des Schlosses Felsengrund
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Versunken ist in Schweigen,
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Wird man doch drauf zu dieser Stund
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Euch noch ein Hüttlein zeigen,
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Und keine sechszig Jahr' es sind,
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Daß drin geboren ward ein Kind,
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Dem Wunderg ben eigen.

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Von gutem Vater war's ein Kind,
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Von einem frommen Weibe;
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Auf wuchs es und gedieh geschwind,
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Kein Riese zwar von Leibe:
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Von Geist ein Riese wundersam,
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Als ob der alte Heidenstamm
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Ein junges Reis noch treibe.

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Und als er groß gewachsen war,
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Da sang er wilden Mutes
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Von Räubern und von Mohren gar
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Viel Arg's und wenig Gutes;
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Von Trug und Mord und Lügenspiel,
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Und von den Griechengöttern viel,
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Als wär' er ihres Blutes.

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Auf einmal ward er stiller jetzt,
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Begann ein ernstes Dichten,
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Er las, in fremdes Land versetzt,
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Tiefsinnige Geschichten,
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Doch ward in des Gedankens Schoos
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Er noch des Heidentums nicht los,
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Laut pries er's in Gedichten.

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Im Geiste drauf in's span'sche Land
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Hat er den Weg gefunden,
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Davon gesungen allerhand
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In gar großmächt'gen Kunden;
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Nur den geweihten Glaubensmut,
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Des heißen Landes fromme Glut
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Hatt' er noch nicht empfunden

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Da jauchzt' ihm wohl die Menge zu
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Auf seinen irren Zügen,
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Er aber hatte keine Ruh',
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Es mocht' ihm nicht genügen,
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Es saß der edle Riesengeist,
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In sich gekehret als verwaist,
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Und seine Lieder schwiegen.

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Da plötzlich sieh! erhebt er sich
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Verklärt ganz und erneuet,
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Der alte, stolze Wahn entwich,
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Vom jungen Licht zerstreuet.
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Es zieht vor uns sein Wallenstein
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In's Leben, in den Tod hinein,
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Daß es das Herz erfreuet.

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Es feiert die Friedländerin
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Ein göttlich Liebessterben,
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Maria wirft sich büßend hin,
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Den Himmel zu erwerben,
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Und hoch im ew'gen Glanze steht
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Die Frankenjungfrau fromm erhöht
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Bei allen Himmelserben.

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Und, ach, da kommt der freie Tell
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Mit seinen Eidgenossen:
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Ihm folgt der gute Sänger schnell,
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Er hat den Zug beschlossen,
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Er singt im Himmel fort und fort,
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Er denkt an dich, du Heimatsort,
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Aus dem die Riesen sprossen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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