Ein Vorbote

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Gustav Schwab: Ein Vorbote (1821)

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Im
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Zu Rom die Künstler plaudernd.
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Die Thür sich in der Angel dreht,
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Ein Diener naht sich schaudernd.

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»woher noch, Mensch, so bleich und stumm?
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Ist Mord los, oder Feuer?« –
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»herr! in
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Dort ist es nicht geheuer!«

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Und bei dem Namen – weiß nicht wie –
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Die Herzen ernster schlagen;
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Des greisen Meisters denken sie
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Im fernen Kopenhagen.

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»was ist's?« – »Mich führte spät am Tag
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Ein Auftrag, Herr, zur Stelle;
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Da hört' ich drinnen Meißelschlag
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Und rief: mach' auf, Geselle!

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Kein Wort. Mein Schlüssel thut mir auf:
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Im Vorplatz nichts zu schauen,
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Doch hinterm Umhang, drauf und drauf,
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Da meißelt's, mir zum Grauen.

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Ich schlüpf' hinein; der Saal ist leer,
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Ganz öde, Mondenschimmer.
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Vom zweiten Vorhang schallt es her,
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Vom Heiligtum im Zimmer.

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Dort, wo ich oft den alten Herrn
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So mutig hämmern hörte,
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Mit Frag' und Sendung gar nicht gern
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In tiefer Arbeit störte.

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Ich mußt' hinein – da schwieg der Laut;
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Doch sah ich jetzt Gesichte:
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Denn Bild an Bild herunterschaut
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Beseelt im Mondenlichte.

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Und Lippen rührten hier und dort
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Sich, marmorne, zum Klagen,
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Als wollten sie ein schrecklich Wort,
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Ein schrecklich Wort mir sagen!

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Wenn Totes, Herr, lebendig wird,
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So will der Tod an's Leben!
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Ein Lufthauch zieht, ein Käuzchen schwirrt;
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Ich eilte weg mit Beben.«

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Nachdenklich hört's der Künstlerkreis,
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Doch zwinget Scherz das Grausen:
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»nicht mach' uns da Gespenster weiß,
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Wo nur die Genien hausen!

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Hebt hoch den Kelch! stoßt an mit Macht!
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Thorwaldsen lebe, lebe!
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Zerreißt der abergläub'schen Nacht
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Ihr närrisch Traumgewebe!«

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Des Meisters treuster Schüler saß
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Allein verstummt im Bunde;
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Beiseite ließ er stehn das Glas,
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Und merkt sich Tag und Stunde. –

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Und wieder – ohne Sang und Klang –
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Die Künstler sind beisammen;
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Ein Flüstern geht den Reihn entlang,
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Und Totenkerzen flammen.

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Dort in Thorwaldsens Studium
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Beweinen sie den Vater.
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An jenem Abend sank er um
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Im dänischen Theater.

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Des Künstlerlebens klarer Strom
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Verrann im heim'schen Sunde.
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Die Seele, scheidend, flog nach Rom,
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Bracht' ihren Werken Kunde.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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