Der Sohn des Regenten

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Gustav Schwab: Der Sohn des Regenten (1821)

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Vor der letzten engen Zelle
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In Sanct Genofevens Haus
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Murmelt schwach die ferne Welle
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Von der Weltstadt Lustgebraus.

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Kein Gemach ist so voll Bängniß
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In den Gäßchen von Paris,
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So voll Schatten kein Gefängniß,
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Keines Mörders Thurmverließ.

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Hier wohnt Einer, müd' von Plage,
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Harmvoll, in geringer Tracht.
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Auf dem Knie liegt er am Tage,
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Hart auf Stroh ruht er zu Nacht.

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Und kein Holz am kalten Morgen
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Knistert lindernd im Kamin,
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Selbst die Bettler sind geborgen,
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Keinen schüttelt Frost, wie ihn.

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Bei dem kargen Mittagsmahle
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Speist das schwarze Brod ihn kaum,
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Und zum Wasser in der Schale
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Mischt sich nie des Weines Schaum.

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Sechsmal nach dem Winterreife
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Hat sein Fenster ihm gethaut,
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An dem schmalen Himmelsstreife
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Sechsmal ihm der Lenz geblaut.

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Da erscheint in seiner Pforte
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Goldbetreßter Diener Hauf',
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Und mit ehrfurchtsvollem Worte
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Stört er den Versenkten auf:

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»gnäd'ger Herzog! drin im Schlosse
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Harrt der Sohn in Liebe dein:
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Wollest seinem ersten Sprosse,
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Deinem Enkel, Pate sein!«

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Und er hebt, gedenk der Würde,
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Von den Knieen sich empor,
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Schreitet mit der Purpurbürde

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In dem schimmernden Palaste
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Seiner Väter weilt er stumm,
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Sieht sich in dem eiteln Glaste
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Wie ein Grabentstiegner um;

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Wiegt den Enkel in den Armen,
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Bis das Taufbad ihn geweiht,
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Läßt mit Blicken voll Erbarmen
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Ihn im Schoos der blinden Zeit.

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Wie er in der Halle wieder
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Einsam seinem Heiland lebt,
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Wirft er sich auf's Antlitz nieder,
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Daß sein Innerstes erbebt:

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»einer liegt vor dir von allen
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Kindern üppigen Geschlechts,
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Herr, o Herr! laß dir gefallen
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Tiefste Buße deines Knechts!

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Was mein Vater wild gesündigt,
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Hat ihm nachgethan das Land.
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Neuer Greuel ist verkündigt;
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Drum ersticke du den Brand!

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Wieder Einer ist geboren!
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Sei, o Herr, es nicht zum Fluch!
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Ist zum Retter der erkoren,
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Lieg' ich gern im Leichentuch!«

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Auf der Streu' sinkt er zusammen,
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Keiner eignen Schuld bewußt;
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Fremde Missethaten flammen
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Brennend in der keuschen Brust.

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Des Gewissens Glut zu dämpfen
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Speist er Arme nah und fern:
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»helft mir beten, helft mir kämpfen,
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Kommt, ihr Höflinge des Herrn!«

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Und so gehet, rein von Fehle,
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Nach gedehnter Erdenpein
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Endlich die gequälte Seele
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Hoffend in den Himmel ein.

72
Doch am Thor der Herrlichkeiten
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Mahnt den Geist der Welt Geschick,
74
In die Niederung der Zeiten
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Wirft er einen scheuen Blick.

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Und was schaut er? überbordet
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Ist vom Blute Land und Thron.
78
Königmordend und gemordet
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Stürzt zum Pfuhl sein Sohnessohn.

80
Weh! der Wahnsinn strecket Larven
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In die Seligkeit herein –
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Da erklingen Wunderharfen,
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Da sprüht auf der Himmel Schein.

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Und der Erde ganz Gedächtniß,
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Blut, Geschlecht, Geschichte sinkt.
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Nur der Ewigkeit Vermächtniß
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Einem neuen Engel winkt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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