Kaiser Heinrichs Waffenweihe

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Gustav Schwab: Kaiser Heinrichs Waffenweihe (1821)

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Der junge König Heinrich schlief
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Zu Goßlar in der Kammer tief,
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Verschlossen waren alle Thüren,
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Es durfte sich kein Leben rühren,
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Kein Hall den langen Gang durchlief,
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Der junge König Heinrich schlief.

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Doch wenn der Herr im Himmel spricht,
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Hilft ein Gebot zu schweigen nicht;
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Die Winde durch die Hallen pfeifen,
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Die Tropfen an das Fenster streifen,
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In manchem rauhen Donnerschlag
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Entlastet sich der heiße Tag.

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Die Diener schleichen auf den Zeh'n,
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Sie wagen nicht herein zu seh'n:
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Will er das Wetter überhören –
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Nicht wollen
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Bis daß ein Knall das Haus durchdringt,
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Und mit Geklirr die Kammer klingt.

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Da flieget bei des Herrn Gefahr
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Herbei der bleichen Knechte Schar,
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Man hört nicht mehr den Regen fallen.
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Man hört nicht mehr den Donner hallen,
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Man höret nur der Füße Tritt
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Und schwerer Männer Eisenschritt.

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Sie öffnen scheu das Flügelthor –
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Verschlossen ist des Königs Ohr,
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Sein Auge schläft noch schlummertrunken;
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Und wie es auf den Pfühl gesunken,
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So liegt sein junges Haupt in Ruh',
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Die gelben Locken decken's zu.

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Doch über'm Bette Schwert und Schild –
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Sie hängen, der Zerstörung Bild,
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Der Stahl geschmelzt wie in der Esse,
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Der Schild zerdrückt, wie von der Presse,
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Durch Leder und durch Eisen fuhr
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Der Blitz und ließ die heiße Spur.

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Die Diener starren; jetzt erwacht
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Ihr König aus des Schlafes Nacht,
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Es fliegt sein Blick nach seinen Waffen
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Und sieht sie staunend umgeschaffen;
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Gar bald errät er was geschah,
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Spricht: »Großer Meister, warst

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Mir däucht, ich hörte doch dein Lied,
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Ich hörte hämmern dich, o Schmied!
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Sah deine Loh das Leder gerben,
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Sah deine Glut das Eisen färben,
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Zu stehen meint' in kühnem Traum
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Ich hoch in deiner Werkstatt Raum!«

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Der König von dem Lager sprang,
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Bald in der Hand den Hammer schwang,
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Er läßt ihn auf dem Schwerte klingen,
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Will selbst, was Gott begann, vollbringen,
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Das Eisen, warm noch, schmiedet er,
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Und stellt den Schild aus Falten her.

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Und auf der langen Herrscherbahn
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Hat er manch Kleid sich umgethan,
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Mit mancher Brünne, schön gedrechselt,
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Mit manchem Helm hat er gewechselt,
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Doch Schild und Schwert vertauscht' er nie,
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Die Gott im Wetter ihm verlieh.

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Es fuhr der Blitz aus seinem Stahl
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Im Streite zweiundsechzig Mal,
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In zweiundsechzig Kämpfen deckte
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Der Schild ihn, der vom Stral beleckte;
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Stets flammte Schwert und Schild wie neu,
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Stets blieb ihm Schwert und Schild getreu.

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Der Donner war sein Ritterschlag;
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Und als im Sarg er endlich lag,
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Da schien die Kron' auf seiner Bahre
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Verbleicht, wie seine greisen Haare,
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Doch sonnig glänzte Schwert und Schild,
72
Der Königsjugend stralend Bild.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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