Johannes Kant

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Gustav Schwab: Johannes Kant (1821)

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Den kategorischen Imperativus fand,
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Das weiß ein jedes Kind, Immanuel Kant.
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Dem kategorischen Imperativus treu,
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Zwang durch ihn wilde Seelen zu frommer Scheu
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Lang vor Immanuel Herr Johannes Kant,
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Und wenige wissen's, wie die Sache bewandt.
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Derselb' ein Doctor Theologiä war,
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In schwarzer Kutte, mit langem Bart und Haar,
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So saß er zu Krakau auf dem Lehrersitz,
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So ging er einher gegürtet, in Kält' und Hitz',
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Ein rein Gemüt, ein immer gleicher Sinn,
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Dem Unrecht dulden, nicht thun, stets däuchte Gewinn.
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Im grauen Alter zog ein Sehnen den Kant
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Gen Schlesien, in sein altes Vaterland.
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Er schloß die Bücher in'n Schrein, bestellt' sein Haus,
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Den Seckel nahm er, und zog in die Fern' hinaus.
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Gemächlich ritt in der schweren, schwarzen Tracht
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Der Doctor durch der polnischen Wälder Nacht,
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Doch in der Seele, da wohnt ihm lichter Schein,
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Die goldnen Sprüche zogen aus und ein,
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In's Herz schoß Stralen ihm das göttliche Wort,
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Voll innern Sonnenlichtes, so ritt er fort.
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Auch merkt er nicht, wie das Thier in finstrer Schlucht
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Den Weg durch Abenddunkel und Dickicht sucht,
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Er hört nicht vor und hinter sich Tritt und Trott,
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Er ist noch immer allein mit seinem Gott.
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Da wimmelt's plötzlich um ihn zu Roß, zu Fuß,
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Da flucht in's Ohr ihm der Wegelagerer Gruß;
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Es stürmen auf den heiligen Mann sie ein,
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Es blinken Messer und Schwert im Mondenschein.
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Er weiß nicht wie ihm geschieht, er steigt vom Roß,
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Und eh' sie's fodern, theilt er sein Gut dem Troß;
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Den vollen Reisebeutel streckt er dar,
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Darin bei'm Groschen manch blanker Thaler war,
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Vom Halse löst er ab die güldne Kett',
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Er reißt die schmucken Borten vom Barett;
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Den Ring vom Finger und aus der Tasche zieht
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Das Meßbuch er mit Silberbeschläg und Niet;
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Daß sie das Pferd abführen mit Sattel und Zaum,
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Der arm' erschrockne Mann, er sieht es kaum;
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Erst wie er alles Schmuckes und Gutes bar,
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Da flehet er um sein Leben zu der Schar.
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Der bärtige Hauptmann faßt ihn an der Brust,
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Und schüttelt sie mit derber Räuberlust.
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»gabst du auch Alles?« brüllt's um ihn und murrt,
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»trägst nichts versteckt im Stiefel oder Gurt?«
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Die Todesangst schwört aus dem Doctor: »Nein!«
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Und aber »Nein!« Es zittert ihm Fleisch und Bein.
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Da stoßen sie fort ihn in den schwarzen Wald;
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Er eilt, als wär' er zu Roß noch, ohne Halt;
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Doch fährt die Hand im Gehen ihm wie im Traum
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Hinab an der langen Kutte vorderm Saum,
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Mit Angst fühlt sie herum an allem Wulst,
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Und endlich findet sie da die rechte Schwulst,
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Wo eingenäht, geborgen und unentdeckt
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Der güldene Sparpfennig sich versteckt.
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Nun will dem Mann es werden recht sanft und leicht,
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Mit all dem Gold er die Heimat wohl erreicht,
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Er mag mit Gottes Hülfe vom Schrecken ruhn,
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Mit Freunden und Vettern sich recht gütlich thun.
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Da stand er plötzlich still, denn in ihm rief
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Mit lauter Stimme der heilige Imperativ:
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»leug nicht! leug nicht! du hast gelogen, Kant!«
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Das einzige Wort ihm auf der Seele brannt',
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Vergessen war der Heimat fröhliche Lust,
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Er war allein der Lüge sich bewußt.
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Und schneller, als ihn getrieben der Freiheit Glück,
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Trieb ihn der Sünde Pein nun zurück, zurück.
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Schon winkt von Ferne der unglücksel'ge Platz,
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Die Räuber theilen dort noch immer den Schatz,
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Am Mondlicht prüfen sie sich das Allerlei,
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Die Pferde weiden zwischen den Büschen frei.
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Und wie sie lagern im Gras und tauschen, tritt
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In ihre Mitte der Kant mit hastigem Schritt.
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Er stellt demütig sich vor die Räuber hin,
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Er sprach: »O wisset, daß ich ein Lügner bin!
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Doch log der Schrecken aus mir, darum verzeiht!«
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Mit diesen Worten riß er den Saum vom Kleid,
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In hohler Hand heut er ein Häuflein Gold,
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Darüber des Mondscheins blinkende Welle rollt;
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Weil keiner zugreift, bittet er ganz beschämt:
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»das hab' ich böslich vor euch verläugnet, nehmt!«
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Den Räubern aber wird's wunderlich im Kopf,
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Sie möchten lachen und spotten ob dem Tropf;
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Und ihre Lippe findet doch keinen Laut,
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Und ihr vertrocknetes, starres Auge thaut.
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Und in dem bleiernen Schlummer, den er schlief,
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Regt sich in ihnen plötzlich der Imp'rativ,
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Der wunderbare, das heil'ge Gebot: »Du sollt –
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Du sollt nicht stehlen!« und vor der Hand voll Gold
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Aufspringen sie, dann werfen sich All' auf's Knie,
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Ein tiefes Schweigen waltet; denn Gott ist hie.

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Jetzt aber regt sich emsig die ganze Schar:
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Der reicht den Beutel und der die Kette dar,
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Ein dritter bringt das Pferd gesattelt, gerüst't,
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Das Meßbuch reicht der Hauptmann – er hat's geküßt,
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Dann helfen sie ihm zu Roß mit willigem Dienst,
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Nichts bleibt zurück vom neuen Räubergewinnst;
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Ja, mußte Herr Kant nur sein auf seiner Hut,
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Daß sie ihm nicht auch schenkten gestohlen Gut.

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Er scheidet, er theilt den Segen aus vom Pferd,
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Wünscht ihnen gründliche Reu', die sie bekehrt.
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Nur dacht' er traurig, als um die Eck' er bog:
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»ihr armen Schelmen, ihr stehlet – und ich log!«
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Doch als er kam zum finstern Walde hinaus,
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Da war verschwunden der Sünde ganzer Graus,
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Da stand der Morgenhimmel in roter Glut,
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Da ward dem frommen Wandrer froh zu Mut.
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»dein Wille gescheh' im Himmel und auf der Erd'!«
110
So betet der Kant, und giebt die Sporen dem Pferd.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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