Die beiden Gleichen bei Göttingen

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Gustav Schwab: Die beiden Gleichen bei Göttingen (1821)

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Wer hat die Gleichen sich beschaut?
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Sie sind am gleichen Tag gebaut,
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Und auf dem Doppelhügel
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Schwingt
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Jetzt liegen sie in Schutt und Rauch,
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Doch kommt heran des Liedes Hauch
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Und webt zur rechten Stelle
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Die Burgen hoch und helle.
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Zwei Brüder bauten rasch daran
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Nach gleichem Sinn und gleichem Plan,
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Die Mauern grüßten zusammen
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Des Abendrotes Flammen.
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Die Thore wölbten sich zugleich,
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Die Maurer führten gleichen Streich,
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Bis beider Thürme Spitzen
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Und wo die Wände brüderlich
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Die eine kehrt zur andern sich,
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Sie ließen zu beiden Seiten
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Sich den Altan bereiten.
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Dann mit der Sonne frühstem Stral
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Die guten Brüder jedesmal
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Sie grüßten sich querüber
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Und hatten sich desto lieber.
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Und mit dem letzten Abendlicht
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Nicht ließen sie die süße Pflicht,
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Sie winkten sich wie Kinder,
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Und schliefen um so linder.
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Auch ihre Söhne hielten's so;
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Darüber Anger und Wald war froh,
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Thät schöner, als in ganz Sachsen,
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In solcher Eintracht wachsen.
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Und auch der Söhne Söhne noch,
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Sie grüßten sich wie Brüder doch
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Mit Kuß und Liebeszeichen,
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Dort vom Altan der Gleichen.
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So ging's in's zehnte, zwölfte Glied,
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Bis Einer sonder Erben schied;
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Doch, welcher es war von Beiden,
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Die Sage will's nicht entscheiden.
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Wie dieser fühlt sein Ende nah'n,
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Läßt er sich tragen zum Altan,
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Er ruft von drüben vor Sterben
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Den einen Sohn zum Erben.
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Von Lieb' und Eintracht predigt er
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Den beiden Gleichen theure Mär;
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Sturmwolken trieb der Winter,
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Ein Spätrot stand dahinter.
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Drauf schlief der alte Gleichen ein,
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Bald drüben auch der Vetter sein,
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Und von den Schlössern nieder
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Da schauten Brüder wieder.
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Doch war nicht Fried' und Freude seit,
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Die Erbschaft zeugte bösen Streit;
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Da führten ihre Bahnen
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Sie nicht zu den Altanen.
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Der eine zog gen Süden aus,
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Vom Norden kam der andr' in's Haus,
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Sie suchten sich Genügen
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In wilden Fehdezügen.
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Der Wald erseufzte von dem Schall,
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Es klagte laut der Widerhall
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Ja, ihrer Schlösser Mauern
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Die fingen an zu trauern.
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Und weil der Väter Eintracht wich,
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Gebeugte Feinde regten sich:
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»leicht ist's, mit den Entzweiten,«
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Frohlockten sie, »zu streiten.«
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Und dichte Haufen zogen bald
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Herauf durch beider Berge Wald.
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Zurück in ihre Gleichen
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Die Brüder mußten weichen.
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Sie dachten wohl an des Vetters Wort,
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Doch fochten sie im Streite fort,
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Sie hatten im Schwertertönen
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Nicht Zeit sich zu versöhnen.
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Auch ist umringt schon beider Burg,
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Und keiner kann zum andern durch,
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Zusammen konnten sie siegen,
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Allein muß jeder erliegen.
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Und jetzt gesprengt ist beider Thor,
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Und mordend steigt der Feind empor,
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Er schwingt die Siegesfahne –
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Da treten sie zum Altane.
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Das erstemal sie grüßen sich
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Von Herzen laut und brüderlich;
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Den Speer in hohen Handen,
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Wohl haben sie sich verstanden.
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Sie winken mit den Augen hell,
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Sie werfen ihre Speere schnell,
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Die in den Lüften sausend
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Durchkreuzen hoch sich, brausend;
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Und jeder trifft des andern Herz,
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Sie winken und sinken ohne Schmerz;
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Da fangen an zusammen
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Die Burgen aufzuflammen.
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Und spät im tiefen Schutt und Sand
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Die Leichen man beisammen fand;
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Sturmwolken trieb der Winter,
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Ein Spätrot stand dahinter.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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