Kaiser Heinrich

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Gustav Schwab: Kaiser Heinrich (1821)

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Herzog Heinrich war's von Baiern,
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Der sich in der Mitternacht,
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Wo die frömmsten Brüder feiern,
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Hin zur Kirchen aufgemacht.
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Ernste Bilder nach ihm fassen,
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Treiben ihn zum Beten an,
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Durch die Regenspurger Gassen
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Geht er nach Sankt Heimeran.

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Junges Heldenantlitz betend
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Möcht' ein schöner Anblick sein,
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Dieser zum Altare tretend
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Kniet umnachtet und allein.
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Vor den Augen gar die Hände,
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Drückend jedes Bild zurück,
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Fleht er um ein sel'ges Ende,
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Nicht um irdisch Heil und Glück.

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Als er aufstand, schien's vom Rücken
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Ueber ihn, als wie ein Licht,
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Staunend thät er um sich blicken,
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Sieht ein heil'ges Angesicht.
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Hochaltar und Kreuz verklärend
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Dort ein lichter Bischof stand,
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Der mit hoher Hand, wie schwörend,
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Zeigte nach der Kirchenwand.

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Mit den Fingern, wie mit Kerzen,
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Leuchtet er auf eine Schrift,
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Wo der Fürst mit bangem Herzen
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Auf ein römisch Sechse trifft.
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»will mich Gott so bald erhören?
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Herr, ich glaub's auf Eure Hand,
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Hebt sie nicht so ernst zum Schwören!«
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Sprach der Held, und Alles schwand.

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Wie sechs Stunden sind vergangen,
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Harrt' er fromm auf seinen Tod,
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Doch es schien ihm auf die Wangen
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Lebenshell das Morgenrot.
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Wie der sechste Tag gekommen,
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Er bereit und fertig ist,
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Doch es giebt der Herr dem Frommen
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Neue heitre Lebensfrist.

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Darum hält er an mit Beten,
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Bis der sechste Mond erscheint,
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Würd'ger stets vor Gott zu treten,
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Doch es war nicht so gemeint.
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Aber ernste Todsgedanken
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Wandeln mit ihm immerdar,
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Und so lebt er sonder Wanken
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Heilig bis in's sechste Jahr.

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Und in hoher Kirche stand er
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Leuchtend um das sechste Jahr,
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Und auf seinem Haupte fand er
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Röm'sche Königskrone gar.
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König Heinrich war's der Zweite,
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Herr von allem deutschen Land,
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Der von dort an ward bis heute
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Stets der Heilige genannt.

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Zwei und zwanzig Jahre heilig
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Herrscht' er ohne Fluch und Spott,
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An die röm'sche Sechse treulich
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Dacht' er, und an Tod und Gott.
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Weil er fertig war zum Sterben
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Hielt ihn Gott des Lebens wert,
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Weil den Himmel er konnt' erben,
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Ward ihm auch das Reich bescheert.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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