Aus des Klosters Hallen

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Gustav Schwab: Aus des Klosters Hallen Titel entspricht 1. Vers(1821)

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Aus des Klosters Hallen
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Schallt der Jungfrau'n Sang,
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Die zur Kirche wallen
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Bei der Glocken Klang;
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Alle Gott geweiht,
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Haben sie der Zeit
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Abgesagt und ihrer Wonne,
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Kehren sich zur ew'gen Sonne.

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Was an ihnen blühet,
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Blüht zu seinem Ruhm,
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Was in ihnen glühet,
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Ist sein Heiligtum.
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Ihrer Jugend Stern
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Leuchtet vor dem Herrn,
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Was ein Weib auf Erden schmücket,
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Opfern sie, der Welt entrücket.

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Hoher Stirne Bogen,
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Langes goldnes Haar,
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Jungen Busens Wogen
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Bringen sie ihm dar;
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Farb'ger Wangen Blut,
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Roter Lippen Glut,
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Was da freut und treibt das Leben,
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Haben sie ihm hingegeben.

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Doch, die Jüngste schauet
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Dort am letzten Platz,
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Die erst heut vertrauet
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Ihm den reichen Schatz!
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Welcher Brauen Kranz!
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Welcher Augen Glanz!
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Welchen Stral von Sehnsuchtsblicken
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Sieht man sie gen Himmel schicken!

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Rosse hört man scharren
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Vor dem Klosterthor,
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Einen Jüngling harren
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Siehet man davor:
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Sein entzündet Hirn
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Färbet Aug' und Stirn
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Mit der ird'schen Flamme Gluten
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Die aus dunkler Tiefe fluten.

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An des Thores Gitter
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Frägt die Schaffnerin:
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Was begehrt der Ritter
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Im empörten Sinn? –
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»aus dem schwarzen Haus
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Sendet sie heraus!
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Drinnen glühn zwei Sonnenaugen,
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Die für eure Nacht nicht taugen!«

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Seine Waffen tönen
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Durch der Hallen Gang,
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Daß man's höret dröhnen
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Zu der Jungfrau'n Sang.
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Alle beten laut,
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Doch die fromme Braut,
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Wie sie hört die frechen Worte,
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Wandelt schweigend durch die Pforte.

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In der stillen Zelle
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Durch das Fensterlein,
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Nach des Himmels Helle,
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Nach der Sonne Schein
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Kehrt sie noch einmal
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Ihrer Augen Stral,
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Löset mit dem Stahl sich leise
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Dann der Augen goldne Kreise.

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Schließt die Perlen beide
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Von erloschnem Schein,
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Blutiges Geschmeide,
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In die Kapsel ein,
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Zieht den Schleier vor,
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Wanket an das Thor:
71
»was du willt, sei dir beschieden,
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Laß des Himmels Braut in Frieden!«

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Zitternd langt der Ritter
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Nach der weißen Hand
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Durch das strenge Gitter,
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Als die Frau verschwand.
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Keinen Händedruck?
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Doch er hält den Schmuck!
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Unterpfand der süßen Triebe!
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Erstes Zeichen ihrer Liebe!

81
»aus der dunkeln Hülle,«
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Wonneglühnd er spricht,
83
»komm in deiner Fülle,
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Kleinod, an das Licht!
85
Wirst ein Wiederschein
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Ihrer Augen sein!« –
87
Und er sieht die matten Sonnen,
88
Und das Blut ist ihm geronnen. –

89
Als er auf den Pfühlen
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Aus des Wahnsinns Nacht,
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Wieder war im kühlen
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Morgenhauch erwacht,
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Ward in Reu' und Schmerz
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Ihm ein andres Herz,
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Und das Licht, das
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Ihm im dunkeln Geist geboren.

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Und im Flehen trat er
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Vor den Herrn des Lichts,
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Einen Stral erbat er
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Seines Angesichts;
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Denn es wandelt blind
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Gottes frömmstes Kind!
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Daß der Sünder sei errettet,
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Hat sie sich in Nacht gebettet!

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Aus des Klosters Hallen
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Schallt der Jungfrau'n Sang,
107
Die zur Kirche wallen
108
Bei der Glocken Klang.
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Eine steht verhüllt;
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Aber dankerfüllt
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Werfen sich beim Liederschalle
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Um sie her die Schwestern alle.

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Hinter ihrem Schleier
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Glänzt's wie Sternenlicht,
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Das schon frei und freier
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Durch die Wolken bricht;
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Wie ein Wunder lauscht's,
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In dem Schleier rauscht's;
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Endlich sinkt vom Haupt er nieder,
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Und die Kirche stralet wieder.

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Denn es steht die Reine
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Wunderbar erhellt,
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Wie im Sonnenscheine
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Einer andern Welt;
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Und ein Augenpaar
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Groß und fromm und klar
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Sendet seiner Sterne Flammen
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Zu dem Gott, von dem sie stammen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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