1.

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Gustav Schwab: 1. (1821)

1
Herr Thorstein in der Halle sitzt,
2
Der blinde Greis in Schmerzen,
3
Ein Enkel liegt in seinem Arm
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Und weinet ihm am Herzen.

5
Wo ist dein Vater, kleines Kind? –
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Sein Feind hat ihn erschlagen.
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So tröste dich die Mutter dein! –
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Tot ist sie von dem Klagen.

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So hüte doch Allvater dich,
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Lasse dich in Frieden schlafen,
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Und wachsen hoch und werden stark,
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Bis du den Feind kannst strafen!

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In der Halle sitzt der blinde Greis,
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Er segnet seinen Enkel:
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»mein Aug' ist dunkel, mein Arm ist schwach,
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Es beben meine Schenkel.

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O sänke nicht die welke Hand,
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So oft ich sie will heben!
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Was kann ich so in halbem Tod,
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Und du mit halbem Leben?«

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So sitzt der blinde Greis und klagt;
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Da pocht es an die Pforte,
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Und öffnet leis und ruft herein
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Zur Schwelle die flücht'gen Worte:

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»die Braut sie mir raubten, es war dein Sohn
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Dabei, den hab' ich erschlagen;
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Und willst du ihn rächen, es werden dich
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Die alten Füße nicht tragen.

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Schnell ist mein Tritt, irr ist mein Gang,
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Dem Wolf gleich in der Wüsten,
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Es soll nach meinem roten Blut
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Vergebens euch gelüsten.

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Doch Buße biet' ich dir genug:
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Du kannst den Beutel nicht schauen,
35
So höre rasseln des Silbers Klang,
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Deinen Ohren magst du trauen!«

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Er schwingt den schweren Beutel hoch,
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Steht harrend unter der Schwelle;
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Doch aus den blinden Augen springt
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Dem Greis die zornige Quelle.

41
»weh mir, daß ich nicht wandeln kann,
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Wohl mir, daß ich nicht kann sehen!
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Es darf in meiner Halle Thor
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Des Sohnes Mörder mir stehen.

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Er labt den Blick an meiner Faust,
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Die nicht mehr weiß zu schlagen;
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Er meint, daß ich das liebste Kind
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Im Beutel müsse tragen.

49
Aus dem Herzen, wo den Sohn ich trag',
50
Aus dem Herzen hol' ich die Waffen;
51
Die Flüche schick' ich nach dir aus,
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Die sollen mir Rache schaffen.

53
Den Fluch all' deinem Tritt und Schritt
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Und deinem schnöden Gelde,
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Ich hab' ihn längst hinaus gesandt,
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Er harret dein im Felde.

57
Er gehet um in meinem Stamm,
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Er schreit in Aller Ohren;
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Du, wandle nur aus meinem Haus,
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Bist überall verloren!«

61
So sitzt der blinde Greis im Stuhl,
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Rührt keines seiner Glieder,
63
Und schlägt mit seiner Stimme Schall
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Den Mörder doch darnieder.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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