Auf den Tod eines Seelsorgers

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Gustav Schwab: Auf den Tod eines Seelsorgers (1821)

1
Charwoche, die auf Erden schleicht so bang,
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Im Himmel fliegt sie unter Lobgesang.
3
Die Engel und die Geister vor dem Thron,
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Sie flammen heller auf um Gottes Sohn,
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Da kommt die Stunde, wo der Ew'ge spricht:
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Daß Menschen ich erschaffen, reut mich nicht.
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Und wenn hier unten einer enden soll,
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Ein Auserwählter, licht- und gnadenvoll,
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Wird ihm zu Theil kein schönrer Sterbetag,
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Als wenn ihn ruft Palmsonntags-Glockenschlag.
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Tritt ein, tritt ein, schallt's aus dem Himmelssaal,
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Du bist willkommen uns bei'm Liebesmahl;
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Und mit der Palme naht ein sel'ger Gast,
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Und hält mit andern Himmelsgästen Rast.

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Palmsonntag war's, es stieg zum Himmelsthor
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Im leichten Aetherleib ein Geist empor
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Von Wuchse hoch, ein ungebeugter Greis,
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Sein schwarzes Haar an keiner Locke weiß.
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Er schritt einher mit rüst'gem Jünglingsgang,
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Doch demutvoll, nicht pochend auf Empfang.

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Die Engel, die der Pforte Hüter sind,
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Begnügte Geister, einfach wie ein Kind,
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Nicht groß an Wissen, nur von Willen rein,
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Gleich Sterblichen, urtheilen aus dem Schein.
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»wer ist der Greis mit ungebleichtem Haar?«
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Spricht Einer: »welch ein starkes Schulternpaar!
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Wenn Simon nicht schon lang' am Throne wär',
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Spräch' ich fürwahr: dem Herrn das Kreuz trug der!«

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Als nun der Himmelspilger näher kam,
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Ein Engel besser ihn in's Auge nahm:
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»o sehet, diesen Blick voll tiefer Glut,
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Dieß Feuer, das verkohlt hat Fleisch und Blut;
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Kennt' ich nicht längst den Kirchenvater, Ihn,
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Ich spräch', ich seh' den Ringer Augustin!«

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Schon vor dem Thore harrte der Genoß;
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Der goldne Riegel tönt im Demantschloß,
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Geöffnet spaltet sich die Perlenthür,
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Und Petrus der Zwölfbote tritt herfür.
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Der mißt mit langem Staunen die Gestalt,
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Spricht endlich: »Nicht hier oben wird man alt,
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Wird schwächer nicht an Geist – mir aber ist,
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Als hättest drunten du gedient dem Christ
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An meiner Seiten, in der Jünger Zahl!« –
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»o Herre,« spricht der Pilger schreckensvoll,
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»ich bin ein Knecht, der Rechnung stellen soll;
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Ich bin ein armer Sünder, zittr' und zag',
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Ach, dieser Palmtag ist mein jüngster Tag!«

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Bei so zerknirschten Worten voll von Reu'
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Wird selbst der kluge Himmelspförtner scheu;
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Nicht kommen darf, zumal in solcher Zeit,
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Ein Gast herein ohn' hochzeitliches Kleid.
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Wer weiß, ob dieses Mannes Brust zerreißt
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Nicht gar die Sünde wider'n heil'gen Geist?

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Da ruft's vom Throne:
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Zu mir, zum Sohne! treuer theurer Mann!
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Vor neun und siebzig Jahren mir getauft!
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Von Kindesbeinen mir mit Blut erkauft!
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Mein Bild, in jeden Menschenkeim gelegt,
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Gediegen hat's aus dir der Geist geprägt.
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Du bist nur Du! Vergleichung thut es nicht,
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Komm, zeige mir dein eigenst Angesicht!
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Was zögerst du? – Dein harret schon die Schar,
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Für die dein Wort des Lebens Nahrung war!
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Mit Milch wie viele Kindlein tränktest du:
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In Gott erwachsen strömen sie dir zu!
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Wie strudelnd gossest du des Zornes Wein
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Dem Taumelkelch verstockter Sünder ein,
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Und streutest sonder Erntehoffnung Saat –
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Doch dein und mein Geist wirkte Wunderthat.
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Den Palmzweig flicht in's unergraute Haar,
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Reich' mir die schwurgetreue Rechte dar.
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Verklären wird sie meines Lebens Hauch,
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Gesunden soll dein Schmerzensfinger auch,
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An dem genagt das Leiden jener Zeit,
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Das schwinden muß vor dieser Herrlichkeit,
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Nimm hin die Krone,
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Bleib' du bei'm Sohne, treuerfundner Mann!
78
Ruh' an der Brust, an der Johannes lag,
79
Vernimm der ew'gen Liebe Herzensschlag!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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