Tiefstill ist's in der nächt'gen Stube

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Gustav Schwab: Tiefstill ist's in der nächt'gen Stube Titel entspricht 1. Vers(1821)

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Tiefstill ist's in der nächt'gen Stube,
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Wo nur das Herz des Forschers schlägt,
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Wie in der öden Eisengrube
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Des Bergmanns Hammer nur sich regt.
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Zum Stumpf gebrannt nickt schon die Kerze,
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Sie leuchtet schwach der dunkeln Schrift,
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Da wo sein Geist im Wort von Erze
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Der Offenbarung Rätsel trifft.

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Vergangenheit ruht ausgebeutet
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In der Geschichte hellem Schatz,
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Allein die Zukunft, ungedeutet,
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Liegt schwer im Finstern, Satz an Satz.
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Vergebens bohren sich die Blicke
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In ihre Dämmerschichten ein:
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Nicht klarer werden die Geschicke –
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Und jetzt erlischt der Kerze Schein.

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Doch, wie der äußre Schimmer schwindet,
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Tritt seiner Seele Licht hervor;
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Sein Aug', am Lampentag erblindet,
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Geht auf; es wacht sein innres Ohr.
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Wie Feuer schau'n beseelte Lettern
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Mit wunderbarem Sinn auf ihn;
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Fernher Gerichtsposaunen schmetter
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Die Wände seiner Kammer fliehn.

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Nicht weiß er, ist es Süd, ist's Norden,
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Ist's West, ist's Ost, wohin er schaut;
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Nur, daß die Welt ist zeitig worden,
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Nur, daß der Gottesmorgen graut.
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Nicht blos das Schlechte schießt in Aehren,
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Das Gute selbst ist erntereif,
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Ein Engel hält, ihn zu belehren,
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Das Buch ihm vor und spricht: »Begreif!«

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Da sieht er Zeit, die weithin ackert,
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Er steht der Erde breite Saat;
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Wie von Vulkanenglut beflackert,
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Glänzt Volk um Volk, und That um That.
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Bald hat die Nacht das Licht verschlungen,
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Bald quillt's empor aus ihrem Schoos;
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Und von Verständniß jäh durchdrungen,
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Wird auch des Sehers Zunge los:

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»ruh' ist umher, die Völker schleichen,
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Doch diese Ruhe währt nicht lang;
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Bald giebt die Weltuhr ihre Zeichen
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Die jetzt noch stöhnt in leisem Gang.
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Im Schoos der Erde nur ist Brausen,
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Und unter Hefe gärt der Wein;
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Bald springt sein heller Stral mit Sausen
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Hoch in des Zornes Kelch hinein.

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Dort flammt's – o Stätte der Empörung!
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Bist du Jerusalem, bist Rom?
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Es bricht die Gärung, die Zerstörung
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Aus dir mit ihrem Lavastrom:
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Die Kronen von den Herrscherwarten
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Und die Gesetze schwemmt er fort;
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Verwandelt euch, ihr Länderkarten,
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Umstalte dich, gewohntes Wort!

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Und ein Jahrhundert, wechseltrunken,
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Erwacht; vom Sturze dröhnt die Luft.
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Dich sucht mein Blick – du liegst versunken,
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Uraltes Reich, tief in der Gruft.
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Dem Schutt entsteigt ein bleicher Schemen,
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Die Zauberzahl benennt ihn mir:
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Er steht erhöht auf Diademen,
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Und

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Und Boten über Boten fliegen,
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Sie theilen Schreckenskunden mit;
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In wilder Fieberzuckung liegen
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Die Länder unter Hufetritt.
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Es geht vorüber; tiefe Stille;
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Vergessner Sturm, vergessne Not.
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Dem Fleisch geschieht, wie vor, sein Wille,
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Der Fromme nur ißt Thränenbrot.

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Und doch ist seine Hoffnung Wahrheit,
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Und Gottes Reich kommt doch herbei;
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Bald wird aus Ahnungsdunkel Klarheit,
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Und Frühling aus der Wüstenei.
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Der Schnee umhüllt mit kalter Binde
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Die schlummernde, begrabne Zeit,
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Doch aus der eisgeborstnen Rinde
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Blinkt hier und dort das grüne Kleid.

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Thauwetter weht, die Winde jagen,
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Das Thier ist aus dem Abgrund los,
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Es tobet Kampf, die Völker zagen
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Bei Harmageddons Schlachtentos.
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Getrost, die Schlange wird gebändigt;
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Erschienen ist das große Jahr,
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Das erst mit tausend Jahren endigt,
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Eins wie das andre sonnenklar.

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Welch sanftes Licht bescheint die Matten,
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Wie unabsehbar blüht das Feld!
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Was Heiden je gesungen hatten
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Von alter, goldner Zeit der Welt,
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Von seligen Verganenheiten,
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Von einem Gottesfriedenstraum –
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Das lag im Reich der Künftigkeiten
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Und leiblich jetzt erfüllt's den Raum!

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Welch sanftes Licht scheint in den Seelen!
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Der Hirte Gottes weidet sie!
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Da hört man keine Treiber schmälen,
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Ein Seufzer steigt zum Himmel nie!
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Wohl giebt es Fürsten, Unterthanen,
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Doch alle sind sie Brüder nur,
103
Die Geister gehn in ihren Bahnen
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Wie sichre Stern' auf goldner Spur.« –

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So sang der Greis mit Sehermute,
106
Der aus dem offnen Buch ihm quoll;
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Fern, fern glaubt' er die Skythenrute,
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Die Gog und Magog binden soll.
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Das Jahr, den Enkeln zubeschieden.
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Stand vor ihm knospend, rosengleich.
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Er selbst ging ein zu Jesu Frieden
112
In's mehr als tausendjähr'ge Reich.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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