Christus und die Vernunft

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Gustav Schwab: Christus und die Vernunft (1821)

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Was Tag und Nacht mein Herz bewegt,
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Im Bilde sei's euch dargelegt:

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Zween Freunde wohnten brüderlich
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Beisammen, liebten herzlich sich,
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Der ein' ein orthodoxer Christ,
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Der andre Rationalist.
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Er macht' es, wie die ganze Zunft:
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Was jener treu und eifrig glaubt,
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Hätt' er ihm gar zu gern geraubt,
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Er hält es gegen Ehr' und Pflicht,
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Wenn er nicht ewig widerspricht.
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Der andre, sonst ein sanfter Mann,
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Droht jenem doch den ew'gen Bann;
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Ihn faßt beim Wort Vernunft ein Grau'n,
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Er kann sich glaubig nur erbau'n,
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Wenn er ins Unbegriffne sich
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Versenket heiß und inniglich.

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Doch nur aus Liebe streiten sie,
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Und scheiden unversöhnet nie,
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Und wenn sie von einander sind,
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Thut jeder einen Seufzer lind:
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»wär' er vom Aberglauben los!« –
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»ach, wär' er aus der Hölle Schoos!«
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Im übrigen lebt schlecht und recht
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Der eine des Gesetzes Knecht,
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Der andere des Glaubens Sohn;
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Sie handeln redlich, nicht um Lohn,
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Sie thun dem Nächsten Guts und Liebs,
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Und Feinde sind's des Weltgetriebs;
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Und manchmal wundern beide sich;
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Der Weise spricht: »Wie freut es mich,
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Du handelst alles Irrthums bar,
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Vernünftig bist du ganz und gar!«
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Und Jener ihm erwiedert dann:
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»seh' ich dein Thun und Treiben an,
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Ach, wüßt' ich nicht, woher es stammt,
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Ich spräch': In dir der Glaube flammt!«
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Und haben sie gesprochen so,
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Die Hände reichen sie sich froh:
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Vielleicht, vielleicht – jetzt ist's an dem –
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Doch nein, es sieget ihr System!

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Da kam's, daß an sein Sterbebett
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Die zween ein Freund beschieden hätt'.
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Er legt' in ihre treue Hand,
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Den einz'gen Sohn, ein theures Pfand;
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Er sprach: »Dieß liebe Kind erzieht
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Da sehen sie in's Angesicht
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Dem toten Freund und hadern nicht;
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Sie gehn zu Hause Hand in Hand:
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»das Rechte lehrt uns der Verstand!« –
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»das Rechte zeigt der Herr uns an!«
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Kopfschüttelnd scheidet Mann von Mann.
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Und in dem einsamen Gemach
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Denkt jeder seiner Sorge nach.
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Wie bleibt die Freundschaft unversehrt?
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Wie das Gewissen unbeschwert?
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Wie wird des Toten Wunsch erfüllt?
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Wie wird das Rätselwort enthüllt?
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Auf solchem Willen ruht ein Fluch! –
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Ein später Schlaf legt kümmerlich
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Auf ihr verwachtes Auge sich.

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Am andern Tag zur frühsten Frist
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Klopft an des Freundes Thür der Christ,
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Und öffnet, eh der andre ruft,
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Und trifft ihn blaß, wie aus der Gruft.
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Doch der auch, der Vernünft'ge, spricht:
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»herr Gott! wie bleich ist dein Gesicht!
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Was ist dir, Freund?« – »Und was ist dir?
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Der Christ hebt an: »Freund! mir erschien –«
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Der Andre spricht: »Auch du sahst ihn –?«
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»wen?« – sagt der Christ –
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So Göttliches erblickt' ich nie!
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Mir nahte die
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Und Jener, staunend, faßt es kaum:
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»was? die Vernunft erschienen dir?
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So wisse:
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Ja, Christus
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Ich bin bekehrt, erlöst, ich lebe!« –
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Und beide schildern ähnlich ganz
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Des Traumgesichts Gestalt und Glanz,
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Und beide forschen sich mit Graus,
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Im Innersten verwandelt, aus;
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Und endlich fragen beide jach:
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»was ist's, das die Erscheinung sprach?«
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Und beider Antwort lautet gleich,
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Ein Klang, wie aus dem Himmelreich:
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So sprach
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In beiden Seelen dämmert's froh.
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»jetzt weiß ich's, daß kein Zwiespalt ist,«
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Ruft endlich seliglich der Christ:
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»du bist, Vernunft, o heil'ge Kraft,
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Nicht Eigenwill', nicht Leidenschaft,
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Nicht was in mir mir bange macht
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Und Sünd' und Zweifel angefacht;
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Du bist die Weisheit, deren Ruf
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Aus Gottes Mund ging, als er schuf;
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Du bist, was in mir göttlich lehrt,
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Was in mir nach dem Herrn begehrt!« –

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»o Heiland mein, o Jesu Christ,«
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Spricht drauf der Rationalist,
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»du bist kein Götze wunderlich,
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Ja, Gottes Sohn, ich fasse dich,
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Ich ringe mit den Zweifeln stark,
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Ich dring' in aller Weisheit Mark,
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Kein Bild von dir ist mir zu hehr,
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Kein Wunder unbegreiflich mehr:
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Ich glaub' an die Herniederkunft
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Der menschgewordnen Urvernunft!«

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Da fallen sie sich in den Arm,
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Da schläget Herz am Herzen warm,
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Geflohn ist Leid, geflohn ist Streit,
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Es herrschet lauter Einigkeit;
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Das Kind des Freundes, gehn sie hin. –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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