2. Zu Schiffers Braut von Messina

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Gustav Schwab: 2. Zu Schiffers Braut von Messina (1821)

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Geduldet wird der Sänger müßig Volk noch stets,
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Und noch nicht ganz in dieser sorgenvollen Welt
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Verpönt und ausgestoßen ist Sorglosigkeit.
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Wer schwer am Reisebündel durch den grünen Wald
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Im Schweiße trägt, wer seiner Güter volle Fracht
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Zwölfspännig in der Bäume Schatten fortbewegt,
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Wer mit dem Wagen fliegend kaum die Zweige streift,
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Der Städte Strudel seine Sinne zugekehrt: –
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Sie alle lauschen, wenn aus luft'gem Blätterdach
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Die Amsel schlägt, wenn schmetternd sich die Lerche hebt.
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So wird der Dichter buntes Lied wohl auch behorcht,
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Und was man selbst sich nicht mehr Zeit zu fühlen nimmt,
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Die erdvergeßne Stimme der Gemütlichkeit,

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Man hört sie jezuweilen gern aus Andrer Mund.
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Begnüge nur der Sänger, wie der Vogel, sich
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Mit diesem flücht'gen Beifall für sein flüchtig Lied,
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Verlange nicht, daß über seinem Sang und Klang
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Ihr Tagewerk vergesse die geschäft'ge Zeit,
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Und schelte nicht den kurzen Dank Undankbarkeit.
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Undankbar ist die Welt nicht, wenn es Großes gilt;
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Zwar kommt der Dank für Herrliches wohl spät genug
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Und über'm Grabe blühet er den Besten oft.
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Nur große
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Ihr mächtig Wort durchschüttert schnell die Gegenwart
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Und tönt in alle Zukunft unverhallt hinaus.
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Wie bald war in dem Hohen, dessen Wiege stolz
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Das Vaterland dem Fremden zeigt, die Wunderkraft
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Erkannt, wie bald vernommen sein gewaltig Lied,
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Wie bald verklungen jedes schwäch're neben ihm!

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Nicht nur dem
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Nein, vor dem
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Und an dem Götterboten sah man scheu empor,
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Der Niegeahntes, Unenthülltes kündete.
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Er kam emporgestiegen aus dem dunkeln Schacht
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Des stillen Abgrunds, welcher Menschenseele heißt,
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Durchwandert hatt' er die verborgnen Tiefen all,
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Der Leidenschaften unbekannte Mütter dort,
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Die Urgefühle, durchgeforscht, die schlummernden;
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Und was vertragen hätte kein gemeiner Blick,
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Ward ihm in seiner Dichterfackel Schein verklärt,
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Und das Verklärte führt' er in den Tempel ein,
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In dem die Musen solchen Priesters harreten.
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Da rang des Erdenlebens innerster Gehalt
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Empor in mächtig kämpfender Gestaltung sich;
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Der Schönheit und der Wahrheit Opfer flammte hoch
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Gen Himmel auf, zur Wonne der Unsterblichen.
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Und auch der Menschen Auge that sich staunend auf,
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Begreifen lehrte seine Kunst

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Ein solch Geheimniß, das er aufgeschlossen hat,
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Soll heute, wo beseelend seine Dichtermacht
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In Leben wandeln seines Tods Gedächtnis wird,
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Entfalten unser Streben, stark durch seinen Geist.
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In jener Dichtung riesenmäßig dehnendem
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Hohlspiegel sammelt wachsend Haß und Liebe sich;
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Und wirft verstärkt ein übermenschlich Bild heraus.
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Doch mangelt reines Ebenmaaß der Größe nie,
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Nicht schweift die Gier in wilde Mißbewegung aus,
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Nicht mit verzerrter Miene Grinsen spricht der Zorn,
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Schön bleibt ein weinend, ein verzweifelnd Angesicht.
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Und so entläßt euch selber das Entsetzliche,
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Das euch, gemeinverwirklicht, als Gorgonenhaupt
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Entgegen starren würde, durch des Dichters Kunst
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Befriedet, mit dem Jammerschicksal selbst versöhnt.
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Dann, wenn euch seiner Chöre welt-erklärend Wort
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Nach Haus entläßt mit langem Seelenwiederhall,
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Nicht götterlos in's Leben tretet ihr hinaus,
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Ihr glaubet wieder an der Dichtung Wesenheit,
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Und ernster geht ihr weltlichem Berufe nach,
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Denn euch im Geiste keimet Ueberweltliches.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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