1. Zu Goethe's Tasso

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Gustav Schwab: 1. Zu Goethe's Tasso (1821)

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Du schufest uns in Worten eine Welt,
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Wer preist mit Worten würdig dich, o Held?
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Was wir durch dich empfunden und geschaut,
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Macht sich in eitler Schilderung nicht laut.
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Drum kurze Rede ziemt an diesem Ort,
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Denn ihn verklären soll dein eigen Wort.
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Du ließest
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Verkündiger der Kunst und der Natur.
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Hier, auf den Brettern, wo in Spiel und Schein
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Die Täuschung ew'ge Wahrheit gräbt hinein,
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Hier lebt unsterblich-frisch dein Dichtergeist,
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Und zeigt, was Schöpferkraft auf Erden heißt.

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Auch sie ward deiner Musen Stätte längst:
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Mit Scheu und bangem Fleiß versuchten wir
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Uns schon an deiner höchsten Werke Zier,
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Selbst jenes Riesenbild der innern Welt
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Wir haben's zagend – dennoch dargestellt.
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Und heute, wo des Dichters Schmerzenskrampf,
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Der Streit mit seinem weichen Selbst, der Kampf
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Mit jenem Weltgeist, musenlos und kalt,
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In uns auf's neu' gewinnen soll Gestalt:
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O möchte heut in Rede, Haltung, Blick
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Rein spiegeln sich das tragische Geschick,
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Daß du, der es geschöpft aus tiefer Brust,
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Es schau'n und hören könntest recht mit Lust!

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Es war nicht
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In deinen Becher nicht der Erde Spott.
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Ein Dichterleben, das von Wonne trof,
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Du schlürftest es an eines
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Und was du sangst, beglänzte nah und fern
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Aus tausend Augen heller Liebe Stern.
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Ein Baum, erwachsen in der Jahre Ruh',
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In langem Friedenstraume grüntest du;
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Dein moos'ger Stamm, von Blüten überdeckt,
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Liegt, erst aus morscher Wurzel hingestreckt.
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Jetzt aber rollt der Donner über'm Hain,
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Es pfeift der Nord, es zuckt der Blitze Schein,
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Dein Bild umhüllt nicht bloß des Weihrauchs Dampf,
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Auch wolk'ger Staub vom schwülen Erdenkampf.

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Doch Wetter ziehn vorüber, und ihr Staub
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Verweht, und Kunst wird keiner Zeiten Raub.
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Wenn deines Freunds Gesang, den
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In deinen Arm und in die Welt gesandt,
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Mit heil'gen Lauten schmetternd in den Krieg
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Der Meinung donnert, zu des Guten Sieg:
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Singt
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Was dauernd keimt in jeder Menschenbrust.
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Auch Hellas' größte Dichter sangen so
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Und galten, wo man traurig war und froh;
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Das Lied Homers klang selbst im Bürgerzwist
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Aus beiden Lagern und zu jeder Frist.
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Noch bleibt uns in des Lebens Drang und Ruf

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Raum für das Schöne, das ein Seher schuf.
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Sei heilig uns
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Der Väter Zeit um's braune Haar dir schlang,
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Und welchen Enkel noch in grünem Saft
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Geschaut auf reicher Silberlocken Kraft.
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Doch Enkelsenkel werden wieder braun
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Dein Lockenhaupt in voller Jugend schau'n;
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Denn ihnen formen deine Züge sich
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Aus ewig frischen Werken jugendlich;
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Dein Sängergeist lebt, in Verbrüderung
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Mit seinem Volke, das nicht altert, jung.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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