Zum Feste der Erinnerung an den russischen Feldzug

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Gustav Schwab: Zum Feste der Erinnerung an den russischen Feldzug (1821)

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Du Gegenwart, so still, so thatenlos,
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Ist's wahr, daß du an Wunderzeiten gränzest,
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Daß du von Bildern, welche riesengroß
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Entfliehn, in hellem Widerscheine glänzest?

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Ist's kein Jahrtausend, daß der Kriegsorkan
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Die halbe Welt mit seinen Donnern füllte,
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Und daß der Nord ein Heer auf stolzer Bahn,
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Zum Tod im Schnee bestimmt, in Flammen hüllte?

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Der Sage schon fiel jene Zeit anheim,
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Es tönet fern, gleich einer alten Märe;
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Ja mit dem Schlachtenhalbgott spielt ein Reim,
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Die Dichtung schildert seine Siegesehre.

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Und wenn ein Sänger lang genug gestrebt,
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Mit Leben das Vergangne zu begaben,
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Und nun sein Werk betrachtet: so erbebt
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Er vor sich selbst – er glaubt geträumt zu haben.

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Von Land zu Land so breite Heldenspur,
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So reißend Glück; alsdann aus heitern Lüften
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Der jähe Schlag, die Schranken der Natur,
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Ein ganz Titanenvolk in eis'gen Grüften;

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Auf Wandrung geht die Muse zweifelnd aus:
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Ist es geschehn, ja konnt' es nur geschehen?
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Da hält sie still vor einem Sommerhaus,
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Und lauschet Worten, die wie Thaten wehen.

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Hält Rat im Kreise hier ein Geisterchor,
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Und will den Söhnen ferne Wunder melden?
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Sie öffnet scheu das angelehnte Thor,
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Und sieht – ein rüstig Häuflein alter Helden.

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Ehrwürd'ge Reste grausenhafter Not,
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Nicht Narben bloß ließ euch der nahe Tod,
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Er fuhr mit kalter Hand in's Mark der Knochen.

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Erzählt, erzählt! die Muse stört euch nicht,
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Ihr Amt ist heut zu horchen, nicht zu singen,
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Aus
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Sie läßt den Strom an's Herz sich schaudernd dringen.

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Stellt hin des ungeheuren Mannes Bild,
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Den ihr in Glück und Mißgeschick begleitet,
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Beschreibet, wie er über Trümmer wild
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Nach seinem Ziel – und fern vom Ziele schreitet.

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Zeigt durch die Steppe bunten Heeres Pfad,
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Wie es den stolzen Schlangenleib entwickelt,
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Und wie es krank der Heimat wieder naht,
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Vom Frost der Nacht berührt, geschwächt, zerstückelt.

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Nennt manchen Bruder, dessen Schatten nur
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Trübschwebend naht und flieht aus eurem Kreise;
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Bezeichnet seiner letzten Thaten Spur,
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Sein Grab, nicht hell von Marmor, ach, von Eise.

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Umringt des theuren Führers Bett, und bangt.
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Es geht vorbei: der Held und Fürst wird leben,
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Wird das Gesetz, nach dem die Welt verlangt,
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Gesegnet seinem treuen Volke geben.

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Nicht bloß Zerstörung hinterließ die Zeit,
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Die jener Winter mit dem Eiswall schließet;
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Und eine Saat bereitet hat der Streit,
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Aus der die Friedensfrucht allmählig sprießet.

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Das mach' euch Männer fröhlich bei dem Mahl,
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Laßt nur den Frost in euren Gliedern zücken,
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Preist eure Wundertage beim Pokal:
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Dort ward gepflanzt, und Enkel werden pflücken!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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