6. Biston

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Gustav Schwab: 6. Biston (1821)

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Vorbereitet
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Sind die Geschicke der Welt.
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In allen Zonen drängt sich aus dem Boden
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Die Saat hervor,
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Decket mit ihrem Sammte
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Die Erd', als einem Festgewand,
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Und harrt des befruchtenden Donners.

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Wen in den zögernden Himmel
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Sendet die Erde hinauf
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Zum Vater
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Mit dem Flehen der Völker,
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Daß ihm gefalle zu lenken
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Seiner Allwissenheit Stral
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Auf des Menschengeschlechts arbeitende Flur.
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Und zu senden schaffende Allmacht?

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Einer aus seines Königes Rat
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Steht auf.
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Kaum erhöhet, räumt er
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Den ersten Platz.
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Erschrocken sehen's,
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Denn sie liebten ihn, die Menschen;
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Doch bei der Wellen Triumphlied,
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Die sein Eiland umschlingen,
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Wandelt hinauf er zu Gott.

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Vor des Höchsten Throne
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Wirft er sich nieder und spricht:
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»begonnen ist, o Herr, dein Werk!
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Die in der Völker irrenden Händen
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Lange geschwankt,
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Gefaßt hab' ich die Fackel
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In
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Habe sie hoch gehoben in die Luft.
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Sie zündet! riefen die Thoren,
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Aber sie leuchtete nur.

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Ein Sämann ging ich aus
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In ihrem Scheine,
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Warf in langdurchwühlten,
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Lockeren Boden
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Körner des Heils.
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Sprießen sollte sie
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Den Geschlechtern der Erde allen,
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Deiner Freiheit köstliche Frucht.

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Frei im geselligen Tausch
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Mögen die Schätze des Erdballs
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Rollen von Lande zu Land;
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Frei wandle das vernünftige Wort,
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Frei glühe der fromme Glaube
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In jeder Menschenbrust;
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Frei diene der Bürger dem Gesetz,
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Jede Fessel falle,
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Von der neuen Welt jungbrausenden Strömen
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Bis zu des Eurotas versiegender Flut.

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Nicht geraubt, wie der Titanensohn,
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Hab' ich dein Licht;
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Auf dein eigen Geheiß
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Hielt ich's den Völkern vor,
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Und der Erde besorgte,
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Zweifelnde Herrscher
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Haben mir, trauend, Gnade genickt,
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Haben gefüget die mächtigen Hände
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Zu dreifaltigem, heiligem,
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Freiheitspendendem Bund.

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Und jetzo fleh' ich:
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Laß nicht umsonst sein
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Deiner Erdensöhne Thun.
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Was die Höchsten wollen,
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Was die Niedrigsten hoffen,
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Was meines Lebens Licht verzehrt hat,
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Schaff' es, du ewiges Licht!«

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Und nieder zu des Thrones Stufen
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Winkte der Allmächtige
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Den harrenden Geist;
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Und eingewiegt ward er
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Vom tiefen, träumelosen Schlaf
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Der Ewigkeit.

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Bis daß die Zeit gekommen war,
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Da berührte der Herr
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Des Unsterblichen Haupt,
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Und der fernen Erde Getümmel
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Zog herauf in Aug' und Ohr,
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Und ihn weckt' ein schmetternder Donner.

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Und im Schlummer halb
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Rief der selige Geist:
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»ich höre meiner Herren Schiffe!«
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Und nieder staunet er, erwacht:
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Er schaut die griechische Bucht,
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Und der berstenden Kiele Qualm.

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Eines Welttheils Jubel
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Dröhnt durch sein wunderbar fassendes Ohr.

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Aber bange durchläuft sein Blick
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Die entrollten Lande,
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Denn mehr als Eins
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Ist, was ihn kümmert.

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Nach dem Norden schaut er,
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Wo das riesige Land
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Bewaffnete gebiert, wie Drachensaat.
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Doch aus der Zare Pallast
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Tönt ihm entgegen
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Der Selbstverläugnung
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Lautrer, Frieden betheuernder Schwur.

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Weiter,
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Nach der heimischen Insel
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Schweift sein sorgliches Aug'.
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Aber am Ruder dort
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Sieht er sein eignes
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Herrliches Schattenbild
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Immer die Straße noch weisend stehn,
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Und den Steuermann ihm gehorchen.

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Und hinüber zur Seine
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Flieget der Blick.
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Siehe, welch Wunder
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Gestaltet sich dort?
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Im Lande des Aufruhrs, im Lande des Bluts,
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Friedlich, in des Gesetzes Schatten,
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Unter der einverstanden Menge
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Wirkendem Flüstern
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Bildet die Volksgemeinde sich um.
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Und die Krone glänzt,
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Und die Freiheit wird
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Unverdunkelt,
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Wie in Albion, unter ihr leuchten.

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Und auch anderswo stralt's:
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Der Einigkeit Geist
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Kehrt segnend ein
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In gespaltnen Gauen.
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Zölle sinken,
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Und der Welt zum Beispiel
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Oeffnen weise Fürsten
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Der freien Völker tauschenden Markt.

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Aber fern im Süden
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Sieht er die Lande dunkel,
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Oder gerötet
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Von der Zwietracht Brand und Mord.
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Nur an der fremden
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Heißesten Küste
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Hält die Gerechtigkeit Wacht,
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Und es bebt der Raubstaat
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Vor alter Jahrhunderte
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Plötzlich reifendem Plan.

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Sinnend blickt Jener hinab,
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Da verschwindet das Gesichte vor ihm,
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Und die Erde
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Mit ihrem Lärm und Glanz
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Sinkt hinab in die wolkige Tiefe.

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Doch im durchstralten Gemüte
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Lebt der Glaube an's Licht,
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Und mit dem Danke der Menschheit
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Wirft der selige Geist
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Schweigend sich nieder am Throne des Herrn.

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Und der Sänger erzählt,
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Was er träumend gesehn,
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Wenn in den Himmel
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Sich verlieren darf seine Seele.

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Lächelnd vernimmt es,
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Unglaubig, die Menge;
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Sie schauet nur den Keim,
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Den niedrig sprossenden;
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Gleichgültig wandelt sie
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Ueber den schwarzen Kern,
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Den die Hoffnung dem Boden vertraut.
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Dem Dichter aber ist's gegeben,
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Schon offen zu schaun
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Im Kern und im Keim,
164
Die dereinst erscheint,
165
Die Frucht und die duftende Blume.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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