5. Griechenlands Hoffnung

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Gustav Schwab: 5. Griechenlands Hoffnung (1821)

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Es ging das Jahr in mattem Schlummer
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Verachtet seinem Ende zu,
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Im Osten wühlt der alte Kummer,
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Und um uns her ist Grabesruh;
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Das Licht der Wahrheit – mag's ersterben!
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Das Volk der Freiheit – mag's verderben!

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Geht, hoffet noch auf Wunderwerke,
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Und glaubt, daß euer rost'ger Stahl,
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Hineingesandt, die Schwachen stärke,
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Zu trotzen Feinden ohne Zahl!
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Geht, reicht den Weibern, Kindern, Greisen,
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Fünf Gerstenbrote, sie zu speisen!

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So sprach der Zweifel, hohen Hauptes
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Ging er durch unsre Straßen hin;
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Den Geiz erfreut's, die Schwäche glaubt es,
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Der kalten Bosheit däucht's Gewinn:
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Jetzt ist die letzte Glut verglommen,
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Ja, bleiern wird die Nacht jetzt kommen!

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Und anderwärts hebt schon die Schande,
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Die Thorheit schon ihr Banner dreist: –
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Da regt sich an Europens Rande
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Der niebezwungne, freie Geist;
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Im Land, um das die Fluten wallen,
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Läßt Ein Mann seine Stimme schallen.

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Wer heftet nicht auf Ihn die Blicke,
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Von dessen Mund die Rede weht,
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Daß durch die langsamen Geschicke
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Der Zeit ein Fieberschauer geht,
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Und daß von seinem Wink erschüttert
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Der dumpfe, ferne Süden zittert!

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Zwar gilt es nicht dem armen Volke,
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Das schmachtend nach dem Ritter blickt,
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Auf das die steh'nde Wetterwolke
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Vertilgungsstralen niederschickt:
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Doch darf das eine Leid schon hoffen,
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Wenn andrem Leid ein Ohr steht offen.

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O die ihr Worte habt wie Schwerter,
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Beschwingte Schiffe, Waffen, Gold:
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Dort drängt die Wut, die Not noch härter,
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Als wo der Mönch die Fahn' entrollt;
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Dort, wo das Sichelschwert seit Jahren
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Wild durch die fremde Saat gefahren.

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Die Saat des Korns, die Saat der Helden,
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Der Mütter und der Kinder Saat!
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In Haufen liegen sie und melden,
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Was dort der Schnitter niedertrat!
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Dort helft, dort stellt euch an die Spitze,
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Dort schleudert rettend eure Blitze.

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Ihr aber, ihr in allen Landen,
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Die noch erweichet andrer Not,
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Auf, laßt uns rütteln an den Banden,
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Auf, theilet euren Bissen Brot;
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Daß hier und dort ein Arm, der bebet,
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Erstarkt zum Kampfe neu sich hebet.

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Die Zeit blickt uns mit Hoffnungsaugen
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Tiefsinnig funkelnd, fragend, an;
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Jetzt will sie Herzen, welche taugen,
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Jetzt rüst'ge Wandler ihrer Bahn.
59
Drum nicht mehr lau, nicht mehr verzaget;
60
Laßt wirken uns, so lang es taget!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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