Vermächtniß

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Gustav Schwab: Vermächtniß (1821)

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Es kommt die Zeit, da ich nicht mehr zu sagen,
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Was dieses Lied euch deuten soll, vermag;
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Da dieser Mund auf eure Grüß' und Fragen
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Tief schweigen wird, und nun mein letzter Tag
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Mir ohne Sang und Lust wird nächtlich tagen:
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Drum eh' dies Leben hemmt der jähe Schlag,
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So lang' es noch beim Frohen bleibt und Alten,
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Hört, wie ich's ewig wissen will gehalten.

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Soll ich der Erste sein, der von euch scheidet,
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Sollt ihr mich starr und stille liegen sehn,
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So soll der Anblick, dran der Schmerz sich weidet,
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Vor eurer Seele schnell vorübergehn;
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Nie soll das Bild des Freundes, wie er leidet,
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Und wie er stumm im Tode muß vergehn,
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Sein bleiches Antlitz nie, wann ihr in Freuden
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Den Bund erneut, euch Wein und Lied verleiden.

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Nein! wie ihm Lust und Liebe stets gelungen,
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Wie er, lebendig steh'nd im Brüderkreis,
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Hoch den Pokal in fester Hand geschwungen
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Zu der versammelten Gemeine Preis;
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Bei schönen Namen festlich angeklungen,
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Die Wangen glühend und die Blicke heiß;
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Und mit Gesang zur brüderlichen Flechte
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Euch rings geboten seine deutsche Rechte:

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So soll er Allen vor der Seele stehen,
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Als führt' er noch ein Leben unter euch,
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Als könntet ihr ihn hören noch und sehen,
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Als wär' er froh und allen Andern gleich.
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Ihr müßt nicht glauben, daß aus euren Nähen
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Er lang entschwunden, fern vom Freudenreich,
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Nur unterm Boden, den ihr fröhlich tretet,
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Sein Lager tief und stille sich gebettet.

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So bleibe denn bei euren Bundesfesten
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Kein Sitz noch Glas zu seiner Ehre leer;
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Noch eine Lück' auch in dem treuen, festen,
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Verschlungnen Kranz der Brüderhände mehr.
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Denkt nur, wie er den theuren Kreis am besten
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Beherrschen kann vom blauen Himmel her,
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Und wie er blickt auf die verbundnen Rechten,
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Ein Bundesglied, aus sternenhellen Nächten.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Schwab
(17921850)

* 19.06.1792 in Stuttgart, † 04.11.1850 in Stuttgart

männlich, geb. Schwab

deutscher Gymnasiallehrer, evangelischer Pastor, Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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