Als einst im fernen stillen Thale

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August Wilhelm Schlegel: Als einst im fernen stillen Thale Titel entspricht 1. Vers(1806)

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Als einst im fernen stillen Thale
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Cythere Myrrhas Sohn erblickt,
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Da ward' ihr Herz zum erstenmale
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Durch sterbliche Gestalt entzückt.
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Nachläßig kam sie hergegangen,
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Und sprach zu ihm mit süßem Ton.
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Ein wunderliebliches Verlangen
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Ergriff den schüchternen Adon.

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Göttinnen faßen kühne Schlüße,
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Wenn Lieb' in ihrem Innern glüht;
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Sie sorgen, daß die Zeit der Küsse
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Bei Zierereien nicht entflieht.
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Sie schwebt, sobald mit mildem Fluge
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Der Tag in Thetis' Schooß entflohn,
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Herab mit ihrem Taubenzuge,
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Und raubt den schlummernden Adon.

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Die Tauben flattern durch die Lüfte
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Und langen an in Paphos' Hain.
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Hier laden frische Balsamdüfte
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Sie unter Rosenlauben ein.
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Kaum scheucht der Glanz der Morgenstunde
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Den Gott des Schlafs, bekränzt mit Mohn,
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So weckt ein Kuß von Venus Munde
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Den frohbezauberten Adon.

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Sie liegen Arm um Arm geschlungen
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Und aufgelös't in Liebesglut.
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Sie stärkt durch matte Weigerungen
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Des unerfahrnen Lieblings Muth.
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Der Gürtel ist in's Gras gefallen,
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Ihr Brautbett ist ein Rasenthron;
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Den Brautchor singen Nachtigallen
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Dem hochbeseligten Adon.

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Bei'm Hauch des West's auf Rosen liegen,
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Und an der wollustheißen Brust
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Der schönsten Göttin sich zu wiegen,
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Ist mehr als Elysäer-Lust.
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Und dich kann diese Lust ermüden?
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Nach wenig Tagen fliehst du schon
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Die Lieb' und ihren weichen Frieden?
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Ach! unbesonnener Adon!

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Mag Venus noch so zärtlich hadern,
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Daß sie ihr Schäfer treulos flieht;
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Umsonst! so lang' in seinen Adern
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Die ungestüme Streitlust glüht.
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Er folgt der Spur der Wölf' und Tiger,
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Gewaffnet wie Latonens Sohn,
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Und wer erkennt im raschen Krieger
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Noch jenen lächelnden Adon?

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Ihr Nymphen! seid ihm nah mit Schutze!
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Sein Pfeil trifft keine feige Brut;
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Er scherzt, aus edlem Männertrutze,
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Mit wilder Ungeheuer Wuth.
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O, seht mit aufgesträubten Borsten
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Ihm seitwärts jenen Eber drohn!
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Hört nah und fern es durch die Forsten
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Erschallen: blutend liegt Adon!

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So schallt's und ächzt bis zu den Grüften,
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Wo Venus sehnend sein gedenkt,
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Wo sie für ihn mit Nardendüften
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Ihr goldumflochtnes Haar besprengt.
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Sie springt empor vom Ruhebette,
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Wie bei des Hifthorns rauhem Ton
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Die Hindin aus der Lagerstätte;
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Und sucht, und ruft Adon! Adon!

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Dem aber quillt sein Blut am Hügel,
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Und mit dem Blut entquillt sein Schmerz,
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Und kälter weht des Todes Flügel,
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Schon an sein ängstlich athmend Herz.
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Sie findet ihn, fällt bei ihm nieder,
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Kaum wird ihr noch ein Kuß zum Lohn,
71
So flieht sein Geist die holden Glieder.
72
O, klagt um Venus und Adon.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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August Wilhelm Schlegel
(17671845)

* 08.09.1767 in Hannover, † 12.05.1845 in Bonn

männlich, geb. Schlegel

deutscher Literaturhistoriker, Übersetzer, Schriftsteller, Indologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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