Mitbruder im Perückenthum!

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August Wilhelm Schlegel: Mitbruder im Perückenthum! Titel entspricht 1. Vers(1806)

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Mitbruder im Perückenthum!
2
Du linderst meine Schmerzen
3
Um der verlornen Locken Ruhm:
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Willkommen mir von Herzen!

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Oft ward mein Haar, so seidenweich,
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Durchwühlt von schönen Händen;
7
Ich konnt' es, unermeßlich reich,
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Zu Ring und Armband spenden.

9
Der Liebe Lust, der Liebe Schmerz
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Erfuhr ich hin und wieder,
11
Und gleichermaßen schlug mein Herz
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Vor Schnürbrust oder Mieder.
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Und daß man alt're, glaubt' ich kaum;
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Ich hatt' es nicht erfahren.
15
Allmälich schwand der Wonnetraum
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Mit meinen blonden Haaren.

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Des Lebens Mittag folgte nun
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Auf jenen frischen Morgen;
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Der Ehrgeiz rief zu anderm Thun,
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Die Welt zu Kampf und Sorgen.

21
Mein Kopf war innen vollbepackt
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Mit hochgelahrtem Wesen:
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Ach! aber außen kahl und nackt
24
Wie ein verbrauchter Besen.

25
Vergebens kräuselt' ich noch viel
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An diesen Stoppelfeldern;
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Die Winde hatten freies Spiel,
28
Wie in entlaubten Wäldern.

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Da schalt ich dich, du Räuberin,
30
O Zeit! voll falscher Tücke.
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Ich warf im Zorn den Spiegel hin,
32
Und griff nach der Perücke.

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Zwar solch ein Ding, so leicht gewandt, –
34
Konnt' ich zum Trost mir sagen, –
35
Wer hätt' es wohl dafür erkannt
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In unsrer Väter Tagen?

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Entfremdet jener Unnatur,
38
Die damals man bewundert,
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Bracht' edlen Stil in die Frisur
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Dieß schaffende Jahrhundert.

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Im Puderreif, Pomadenthau
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An Pfeifen, Knoten, Zipfeln,
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Glich des Toupee's gethürmter Bau
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Beschneiter Alpen Gipfeln.

45
Die spitze Schneppe trat herein
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Hoch über beiden Brauen;
47
Die Ecken ließen, glatt und rein,
48
Rasierte Stirnen schauen.

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Und Lovelace spielte, so geschmückt,
50
Des Herzensdiebes Rolle,
51
Wie Englands Kanzler, steif perückt,
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Auf seinem Sack von Wolle.

53
Jetzt weiß die Kunst den Wurf und Schwung
54
Der Locken nachzuahmen,
55
Und aus der Fern' erscheinen jung
56
Viel alte Herrn und Damen.

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Dein krauses Haar, sonst schön gebräunt,
58
War scheckig jüngst geworden:
59
Da faßest du dich männlich, Freund,
60
Und trittst in unsern Orden.

61
Wer uns Perückenhänse heißt,
62
Weil wir Perücken tragen,
63
Der wiße: stets verjüngt der Geist,
64
Der Muth, das kühne Wagen.

65
Die Trägen werden zeitig alt,
66
Zum Spotte gar die Thoren;
67
Und blieb eu'r Herz dem Schönen kalt,
68
So war't ihr alt geboren.

69
Gelbschnäbel! flattert nur herum
70
Mit eurem bischen Jugend.
71
Euch bleibt der Mund des Ruhmes stumm,
72
Euch kränzet nie die Tugend.

73
Zwar wird wohl kein Perückenhans
74
Ein eitles Weib gewinnen;
75
Doch das Verdienst des reifen Manns
76
Find't weise Kennerinnen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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August Wilhelm Schlegel
(17671845)

* 08.09.1767 in Hannover, † 12.05.1845 in Bonn

männlich, geb. Schlegel

deutscher Literaturhistoriker, Übersetzer, Schriftsteller, Indologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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