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Bruder, gedenkst du noch mein, des Fremdlings, welchen sein Trieb erst,
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Dann die Länder, das Meer, endlich der Tod dir entfernt!
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Indien hegt mein Grab: da wölbt sich auf einsamer Ebne
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Bambus über ihm hin, schirmend vor sengendem Strahl.
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Aber es wehrt nicht Land, nicht Meer, dem entkörperten Schatten,
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Daß er die Heimat oft voriger Wünsche besucht,
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Und im Herzen der Freunde mit leisem Geistergelispel
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Bei sehnsüchtigem Weh liebliche Schauer bewegt.
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Siehe, du lebst und blühst in der Vollkraft männlicher Jahre;
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Mich unwilligen riß feindlich die Parce hinweg.
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Denn ich strebte nach Thaten und Ruhm: und Thaten und Ruhm sind
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Nicht mir geworden, ich gieng in der Vergeßenheit Nacht.
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Eitler Ruhm! des Glücks, der Gelegenheit prahlender Herold,
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Geht er die schweigende That, innen im Busen, vorbei.
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Bruder, was rühm' ich mich dir? Du hast, zwar Knabe noch damals,
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Muthig und edel entflammt selber den Jüngling gesehn.
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Krieger zu sein gelüstete mich wie die römischen Helden,
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Wenn der Lehrer mich hieß merken die Worte des Buchs;
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Und bei Kreißen und Winkeln und jeglichem Räthsel Euklidens
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Stand Archimedes mir vor, Mauern und künstlich Geschoß.
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Tiefer heimischer Friede verschloß den Waffen die Uebung,
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Bald ermüdeten mich Spiele vom Lager und Kampf.
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Als Brittannien drum, mit Galliens Macht Hyder Aly
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Mühsam dämpfend, ein Heer warb für den indischen Strand,
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Lockten mich Krieg und Gefahr, wie gern, Hemisphären hinüber:
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Leicht zum Leben geschürzt, knüpft' ich das Bündel mir leicht.
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Sag, lebt noch im Gemüth dir jener Morgen des Abschieds?
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Rüstiger Trommeln Getön weckte die Gaßen der Stadt;
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Jeder regte sich frisch, das Gepäck und die Waffen ergreifend,
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Lagergetümmel und Lärm füllte den friedlichen Ort.
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Wo die ziehenden Haufen sich sammelten, rief's überall nach:
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»glückliche Fahrt! lebt wohl! kehret gesund uns zurück!«
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Hier versorgte das herzliche Weib den Krieger mit Labung,
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Reichte den Säugling hin noch zu dem bärtigen Kuß,
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Und er gelobt' ihr rauh, für beid' in der Fremde zu sorgen,
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Alles erbeutete Gut treulich zu senden nach Haus.
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Jener verhieß wohl prahlend der mohrischen Säbel Demanten,
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Rief: »es lebe« bei'm Trunk, »Asiens reichster Monarch!«
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Mancher mit Leichtsinn auch verließ das weinende Mädchen,
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Das zu willig dem Schwur flüchtiger Liebe getraut.
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Aber ich stürmte hinein, den letzten Moment zu verkürzen,
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Heiß geschäftig, wo schon alle sie meiner geharrt.
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Brünstig segnete mich der fromm ehrwürdige Vater,
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Schwestern hiengen an mir, Brüder umarmten mich fest.
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Aber vor allen die Mutter, die liebende Mutter! an ihrem
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Herzen zerfloß ich, und wand, kaum noch besonnen, mich los.
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Wie ich mich innerlich schalt, mir sagte die ahndende Seele:
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Nie mehr soll ich mit euch tauschen den innigen Gruß.
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Doch die Mutter ergriff ein unwiderstehliches Drängen,
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Einmal ihn nur, den Sohn, noch den geliebten zu sehn.
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Und sie machte sich auf, von bangenden Töchtern begleitet,
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Schaute vom Fenster am Platz, wo sich die Schaaren gereiht.
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Bei den Gefährten stand ich, und, ob ich gleich sie bemerkte,
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Hob ich den Blick nicht auf, mich zu erweichen besorgt.
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Viel durchlief ich die Reih'n beschleunigend, brachte Befehle
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Hin vom Führer und her, auf das Geschäft nur bedacht.
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Schwang dann schnell mich zu Pferd, voreilend dem Zug, der begonnen,
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Und erst außen am Thor wandt' ich die Blicke noch heim.
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Alles Trauren erstickte das muntere Spiel der Hoboen,
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Und der Morgengesang männlicher Kehlen darein.
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Bald nun war ich zu Schiff, bald sah ich entfliehende Küsten,
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Wogend an Helgolands nackenden Klippen entlang.
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Sprach, wehmüthig erzürnt: »Deutschland, unzärtliche Mutter,
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Immer dem Ausland hold, immer nicht achtend was dein!
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Habe noch Dank für alles, was Gutes an mir du gepfleget:
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Fern, vergeßen von dir, bleib' ich ein Deutscher doch stets.
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Bald wohl nahet die Zeit, da wirst du der Männer bedürfen,
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Die du um Sold, fühllos, sendest die wackern hinweg.«
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Albions grünende Hügel erhoben sich; noch in der Seefahrt
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Mühen wenig geübt, war uns der Hafen erwünscht.
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Dort empfiengen uns Schiffe, zur längeren Reise gerüstet,
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Räumliche Häuser, gelenkt von des Bewohnenden Wink.
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Und so fuhren wir aus im Walde besegelter Masten,
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Herkuls trotzendem Fels Hülfe zu bringen bestimmt.
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Als wir lange geirrt, von widrigen Winden geschaukelt,
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Wo Biscaja's Bucht thürmende Wellen erhebt,
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Glitten wir leichter dahin am Duft glückseliger Inseln,
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Vom liebkosenden Hauch milderer Zonen umweht.
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Sanct Salvador, dich grüßten wir erst jenseitig am Weltmeer,
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Früchte verheißend stieg schön dein Theater empor,
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Dunkel bekränzt mit Orangen, mit Aloe, Palmen und Kokos;
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Jeder durstige Blick trank das erquickende Grün.
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O wie lag ich entzückt am Busen der heiligen Freundin,
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Pflegerin, Mutter, Natur! wechselte Wunsch so wie Blick!
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Blühende Landschaft hier, dort unergründliche Meere:
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Stilles Gnügen und Ruh, Streben in's Weite hinaus.
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Als wir die See von Neuem, gestärkt und gesundet, befuhren,
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Winkte mich schon von fern still Trinidada herbei,
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Traulich übergelehnt uralte Stirnen der Felsen.
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Hinter der zackigen Wand zog sich, umgränzet, ein Thal,
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Friedlich mit wenigen Hütten bestreut, die Menschen erbauten,
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Hier gestrandet, und nun wieder zu Menschen entführt.
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Ich verlor mich im Traum, einsiedlerisch dort zu verweilen,
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In die Natur, in mich, geistig beschauend, versenkt.
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Ach, ich wäre dem herbsten Verdruß und Kummer entwichen!
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Meiner harrte ja doch keine befreundete Welt.
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Doch Trinidada verschwand: kein Eiland, keine Gestade
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Bis zu der Schiffahrt Ziel; alles nur Himmel und Meer.
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Weit erst schweiften wir um in des Erdballs südlichen Kreißen,
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Dann in der Monsoons Reich lenkten wir wieder die Bahn.
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Endlich langten wir an, des Feinds Geschwadern entkommen,
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Allen Gefahren, womit Feuer und Fluten gedroht,
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Oder der tückische Wind, der von heiterem Himmel herabstürmt;
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Und es bewillkommt' uns, kriegerisch donnernd Madraß.
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Schnell nun ward in das Feld ein Theil der Gefährten gerufen.
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Drüben im Land Malabar maßen sie rühmlich sich noch,
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Siegend im letzten Gefechte, mit Tippo's Heeren und Frankreichs;
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Denn von Europa scholl Friede nach Asien hin.
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Kaum mit des Forschens Genuß täuscht' ich den strebenden Geist.
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Bald durchspäht' ich von Neuem der zirkelnden Maße Geheimniß,
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Bald Jahrbücher des Kriegs, stolzer Eroberer Kunst;
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Labte mich dann bei Dichtern, den ewigen, mächtig des Zaubers,
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Der Zeitalter hindurch, Zonen hinüber auch, gilt.
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Ferner die Sitten des Volks, die Rechte gesonderter Stämme,
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Jeglicher Zeit Denkmal war ich zu kennen bemüht.
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Dunkel lockte mich nach der Braminen würdige Weisheit,
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Welche Europa's Sucht, trügenden Handels Verkehr,
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Menschenscheu und verwildert in Felsenhöhlen gebannt hat,
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Wo ihr Sibyllenton, leis' überredend, verhallt.
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Ahndend deutet' ich mir die begeisternde Seele des Weltalls,
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Tief in der heil'gen Sanskrit Göttergeschichten verwebt.
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Ernster betrachtend folgt' ich dem Leichenzug des Braminen,
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Der zum Wandel den Geist haucht in den Schooß der Natur.
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Manchmal flochten mir wohl anmuthigen Tanz Bajaderen,
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Nicht von der Ziererei modiger Schönen entstellt.
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So verdrängt' ich die Zeit; es kamen trübere Tage.
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Nur in der Freundschaft Arm fühlt' ich so fern mich daheim:
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Und mir starben die Freunde dahin; geblendet vom Wahnsinn
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Zückte wider sein Haupt einer den tödtenden Strahl.
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Mir auch tobte gewaltig die glühende Sonn' in den Adern,
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Wölkt' im verworrnen Gehirn oft melancholischen Dunst.
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Uebel des Leibes, sie gehn, die heftigsten, über, und spurlos;
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Welchem die Ehr' erkrankt, nimmer geneset sie dem.
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O dieß Härteste noch, wie nenn' ich's oder verschweig' es?
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Daß die Verläumdung mich, lauschend auf Worte, bestrickt,
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Schuld auf Schuld mir gehäuft, entstellend zum Frevel den Muthwill!
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Zwar ich duldet' es nicht: stark in dem reinen Gefühl,
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Rief ich das Vaterland um Recht an, rief um Befreiung;
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Leider! das zögernde Recht hielten die Meere noch auf.
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Ich entriß mich indeß dem falschen Gewühle der Städte:
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Ländliche Zuflucht nur labte balsamisch die Brust.
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Doch mir schmeichelten auch entferntere Bilder der Hoffnung,
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Krieg und That und Gefahr würde bewähren den Mann.
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Drum bedacht' ich, da kaum untreuer Friede mit Tippo
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Noch bestand, wie ein Heer zöge die Berge hindurch.
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Ich durchritt und erspähte, bis Vaniambaddy hinüber
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Weit vom Velore her, Mulecats mächtigen Wald.
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Wo noch kein europäischer Fuß betreten die Wildniß,
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Maß ich Thäler und Höhn, jegliche Schluft des Gebirgs.
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Treue indische Führer verscheuchten Tags mir die Tiger,
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Schlagend an's dichte Gebüsch; stiegen die Sterne herauf,
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Dann im Freien gebettet, umringt von bewachenden Feuern,
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Lag ich und schlief sorglos unter dem fernen Gebrüll.
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Drohend erhebt die Klaue zum offenen Kampfe das Raubthier,
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Aber lächelnd bestellt Gifte der heuchelnde Freund.
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Arg vergalten sie mir's, ich liebte die Menschen wie Brüder,
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Bot oft tröstlich die Hand, lechzender Paria! dir.
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Endlich erschien der Tag rechtfertigend, wo ich den Ausspruch
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Richtender Krieger, gelöst jedes Verdachtes, empfing.
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Gnügen konnt' ich nun erst dem Gesetz der befehdeten Ehre:
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Längst erlittene Schmach rächte, geübt, mir die Hand.
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War's mir doch, als wollte beinah noch Freude sich regen,
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Träume des Glücks noch bau'n weit in das Leben hinaus.
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Aber es war umsonst: die früh entkräfteten Glieder,
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Mehr das gebrochene Herz, neigten sich still in die Gruft,
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Hat kein segnender Vater an meinem Lager gebetet,
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Keine Mutter zur Ruh sanft mir die Augen gedrückt:
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O so schied ich doch nicht von Allen erkannt und verlaßen,
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Redlicher Freunde Gespräch heiterte Stunden mir noch.
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Jenseit wandelt' ich schon, wie lang', am stygischen Ufer
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Eh ihr Liebenden dort traurig die Kunde vernahmt.
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Nicht wehklag' ich, o Bruder! die irdische Lust und die Jugend;
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Mein unrühmlich Geschick und die verschwendete Kraft.
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So ergießt sich der Strom, aufsprudelnd aus kühlem Geklüfte,
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Namenlos gehemmt bald in dem freudigen Lauf.
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Auen hätt' er getränkt, er hätte Masten getragen,
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Schlürft' ihn tückisch der Sand dorrender Wüste nicht ein.
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Andere Zeiten nun wälzen sich um; zwar wechseln sie uns nicht,
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Doch in den Orkus auch dringt die Geschichte des Tags.
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Schauernd erfuhr ich es drunten, die Welt will neu sich gestalten,
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Aber in's Chaos erst droht sie verderblichen Fall.
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Alte geheiligte Sitt' und Gesetz, und erträumte Verbeß'rung
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Kämpfen auf Leben und Tod unter dem Menschengeschlecht.
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Zahllos kommen die Opfer herab des berauschenden Irrwahns,
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In der Parteiung Krieg blöde, wie Heerden, gedrängt;
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Während tyrannische Geisel sie züchtigte, trotzend auf Freiheit,
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Wie sie des Niedrigen Haß gegen das Hohe genannt.
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Andere drängen sich nach mit wilder entflammten Geberden,
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Welche der Bürgerwuth blutige Beile gerafft.
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Alle vermengt sie die Nacht: die unerklimmbare Mauer
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Eh'rner Verhängnisse läßt keinen in's Leben zurück.
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Doch wer schaffend und wirkend sein Dasein droben bewährt hat,
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Weidet an Träumen sich noch rüstig verwendeter Kraft.
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Drum verzeih', o Bruder! den klagenden Laut von der Gruft her,
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Der kalt athmend sich dir hat um den Busen gelegt,
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Bring dem verbrüderten Geist ein Todtenopfer von Thränen
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Und von Gesang; und so lebe denn, lebe mir wohl!