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Kämpfend verwirrt sich die Welt, und neue Verhängnisse stürmen
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Dir, kunsthegendes Land, Hellas geliebteres Kind,
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Dunkel heran; es versinkt in erneuerten Flammen Korinthus,
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Und der Proconsul häuft wieder in Schiffe den Raub,
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Stolz den Ersatz androhend; gefeßelte Geniuswerke
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Führt barbarischer Pomp wiederum auf in Triumph.
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Du indessen enthüllst, der hellenischen Muse Geweihter,
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Goethe, mit sinnendem Blick, mancherlei Wundergebild,
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Wie es emporstieg einst in dem Geist prometheïscher Männer,
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Ruhig beschwörend den Wahn, welcher nur gafft und verkennt.
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Dir entringeln die Schlangen um Ilions Held und die Knaben
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Ihre Gewinde: wir sehn, wie die bewaffnete Kunst
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Zögernd der Götter Gerichte vollführt; die schonende Hand goß
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Linde der Anmuth Oel über den duldenden Stein.
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So hebt Niobe dort die verstummenden Blicke zum Himmel,
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Groß gewendet; ihr haucht um den geöffneten Mund
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Heilige Charis, die zürnet und fleht: ach, wenn sie erstarrt noch
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Sahe Latona so schön, mußte, zu spät, sie verzeihn!
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Leih den Gestalten dein bildendes Wort; aus verbrüdertem Geiste
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Freundlich zurückgestrahlt, spiegle sich Kunst in der Kunst.
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Was der Genius hegt, der schirmende, wohnt in dem Frieden
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Einer geweiheten Brust frei von der Erde Gewalt.
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Da verwahrest du sicher was gern dir Ausonien zeigte,
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Flüchtend vor der Gefahr wählt' es ein reines Asyl.
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So bewahrte die Erd' einst diese Zeugen der Vorwelt
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Sorgsam im Schooße, sie hielt Keime lebendig versteckt
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Wiedergeborener Kunst und Begeisterung; endlich erstand sie
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Aus der unteren Welt Tiefen dem Leben und Licht,
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Froh zu der Mutter Umarmung, die längst verlorene Tochter.
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Mancher Künstler verstand jenes Heroengeschlechts
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Unvergängliche Sprache, die Götzen wurden zu Göttern,
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Und den bestätigten ward freie Verehrung geweiht.
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Glücklich, wenn noch in dem Staube was ruht, was Phidias kühn schuf,
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Was Polykletos mit Maß! Ueber dem Haupte hinweg
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Geht die Verheerung ihm: nicht stürzende Vesten erdrücken's,
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Und es erblüht dereinst einer beruhigten Welt.
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Hat der zürnende Berg mit alten Gluten des Abgrunds
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Nicht Pompeji bedeckt und den herkulischen Strand?
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Doch, vom feurigen Regen verschont und den flutenden Felsen,
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Stieg unalternd ein Bild häusliches Webens empor.
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Zwar auch dieß nur ein kleines, doch ist es ein werthes Gedächtniß:
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Alles, bedeutungsvoll, lehrt, was die Zeiten geraubt.
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Lehnt der befreundete Seher der Alten ja selbst an der Säule
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Sturz wehmüthig, und tritt ernst auf zertrümmert Gebälk.
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Denn er gleichet dem Manne, der, kaum entronnen dem Schiffbruch,
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Schätze verlor, und klimmt nackt die Gestade hinauf.
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Nur am Finger ein Ring blieb sein, den gab die Geliebte,
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Und so dünkt er sich reich, schauet ihr Zeichen nur an.
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Ach, wie dämmernder Schimmer erloschener Herrlichkeit folgt uns!
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Jenes volleren Tags Glorie träumen wir kaum.
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Auf Eilanden umher, an vieldurchschnittenen Küsten
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Blühend verbreitet und reich, wohnte das regsame Volk
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Asien an und Aegyptus, und schuf Welttheile zu Hellas:
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Denn den eignen Beruf übt' es, wohin es nur kam.
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Wo der versengte Räuber sein Zelt in ein wechselndes Sandmeer
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Pflanzt, wo jetzt das Kameel schmachtet nach ärmlichem Trunk,
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Sprudelte Phöbos Quell, da schattete süß Aphrodite's
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Garten, Kyrene, dein Haupt, fruchtbar und wagenberühmt.
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Zeus Wettkämpfe, sie riefen herbei wie entlegene Länder!
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Rosse sikulischer Au'n stampften Olympia's Bahn;
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Und Alpheos, in Liebe zur Nymph' Arethusa sich tauchend,
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Trug den heiligen Staub nach Syrakusä zurück.
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Nicht die jubelnde Menge nur zeugt dem Ruhm der Athleten:
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Seht, es bevölkern den Hain Schaaren der Sieger aus Erz!
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Wer mit den Rädern das Ziel umdonnerte, wer in dem Faustkampf,
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Mit Wurfscheiben gesiegt, ringend, im Sprung' und im Lauf,
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Eile zu opfern, wo dorisch Gesäul ein würdiges Dach trägt,
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Dessen Giebel des Siegs Botin sich golden entschwingt.
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Drinnen thront er; ihn selbst, der Menschen Vater und Götter,
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Schmücket des Oelbaums Blatt, wie es den Kämpfer belohnt.
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Horen und Chariten schweben im Reihn um des Ewigen Scheitel,
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Tief an des Schemels Rand wühlt Amazonengefecht.
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Ruft den Glücklichen aus, dem Zeus den unsterblichen Kranz beut,
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Unter der Flöten Getön stimme sie, Pindaros, an,
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Lieblicher Mund des Ruhmes, die leierbeherrschenden Hymnen!
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»wem zu sterben verhängt wurde,« so rauschet ihr Pfeil,
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»warum säß' er daheim, unrühmliches Alter zu nähren?
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Alles Schönen beraubt? Auf, und das Schwere versucht!
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Das war Pelops Wort, als einst er die Lanz' Oenomaos
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Meidend, auf eben dem Plan Hippodamia gewann.«
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Ach! mich täuschte dieß Bild, von vielen nur eins, hingaukelnd
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Festliches Leben; es floh! seufzet die Oede zurück.
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Aber entrißen dem irdischen Sitz, umhauche der Geist uns,
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Ewig gilt sein Gesetz, licht wie die Sonn' und geheim.
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Nicht vor die Tugend allein ward Schweiß gestellt von den Göttern,
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Reinere Schönheit auch wohnet auf einsamer Höh.
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Enge windet und steil sich der Pfad hinan zu der spröden,
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Aber am üppigen Hang gleitet Entartung hinab.
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So stieg Hellas Kunst, die gleich der lakonischen Jungfrau
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Nackt die Glieder geübt, eh sie der Liebe gedacht.
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Einfach ruhte des Doriers Säul', in ionischer Weichheit
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Wand sich ihr Knauf, Korinth krönt ihn mit blättrigem Schmuck.
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Wann sie das Ziel erreicht, beharrten sie; Lehren der Nachwelt
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Spricht die gebietende Form, ob an der Urne sie sei,
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Ob am mächtigen Bau; im Schutt zerrißener Trümmern
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Stehet die Ordnung fest und der Verhältnisse Maß.
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Als der gemahlten Tafel noch wenige Farben genügten,
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Purpur noch indisches Blau blüht' an der kostbaren Wand,
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Heiterte erst Polygnotos den alten Ernst der Gestalt auf;
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Lächeln verhieß, wie des Tags Röthe, Bewegung und Reiz.
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Zeuxis sammelte wählend die unverschleierte Schönheit,
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Herrlich baut' er den Leib, aber die Seele noch schwieg.
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Leiseren Umriß zog Parrhasios; fliehende Gränzen
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Lockten das Auge sich nach um das gerundete Bild.
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Sinnvoll barg und verrieth, noch mehr als er zeigte, Timanthes,
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Leid und das tiefste Gemüth rief Aristides hervor.
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Allzubescheidene Hand des Protogenes! immer noch weilend
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Am Vollendeten selbst; leichteren Schwung und Vertraun
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Lehrt' ihn der Mahler von Kos, dem vor den bewunderten Meistern
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Anmuth, jedes Bemühns Blüthe, sich eigen ergab.
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Ach, wo blieb, Apelles, dein blitzender Gott Alexandros?
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Und der Gesellin Bild, welches sie selbst dir erwarb?
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Die du behende den Wellen enthobst mit träufelndem Haar noch,
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Welch auftobendes Meer schlang uns die Göttin hinab?
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Viel zu zart war die Kunst, die im Zaubernetze den Schein hascht,
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Unerdrückt zu bestehn Lasten vernichtender Zeit.
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Riß ja doch, aus härterem Stoff erschaffen zum Denkmal,
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Ihrer Schwester Gebild' auch die Vergänglichkeit hin.
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Ob sie schon ernst und gewaltig aus Phidias Haupte hervorsprang,
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Pallas Athene, die Brust Gorgogeharnischt, behelmt
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Mit jungfräulicher Sphinx: doch mußte des sterblichen Vaters
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Tochter ihm nach in die Gruft, welche nicht Himmlischen ziemt.
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Damals forderte Dienst vom Köstlichen, jugendlich stolz noch
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Wählend, des Bildners Kunst; kleidete, sicher des Siegs
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Ueber den prahlenden Stoff, die Riesengestalt in's Geschmeide
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Goldes und Elfenbeins: unter der Stirn Majestät
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Blitzt' ein edles Gestein die gebietenden Blicke der Göttin.
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Aber die irdische Pracht rächte zerstörend sich bald.
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Zwar auch vieles vergieng, aus dem Kern der parischen Klüfte,
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Oder aus Einem Strom Erzes, bescheidner geformt.
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Nicht mehr lernt die Natur vom lebenden Maß Polykletos,
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Das er ihr selbst entwandt, Glieder harmonisch zu baun.
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Weil von Alkamenes Hand dir obgesiegt Kytherea,
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Zürnst du länger nicht mehr, Nemesis Agorakrits.
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Schwärmt sie noch wo, die Bacchante, die Skopas, nicht Bacchus, begeistert?
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Sendet noch Eros, der Gott, der den Praxiteles hieß,
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Wie er ihn fühlt', ihn bilden, mit Phryne Meister des Meisters,
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Lächelnder Schönheit Pfeil in der Beschauenden Brust?
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Wo weilt Myrons Kuh der Heerd' und dem treibenden Hirten?
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Und wo bäumt sich als Roß schnaubend, Lysippos, dein Erz?
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Wer entschlürft noch lesbischen Thau der getriebnen Phiale,
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Mentors redendem Werk, zierlich umlaubt von Akanth?
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Frage das Schicksal nicht, warum es so herbe gewaltet:
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Trotziger Willkür Spiel übt' es, auch wann es geschont.
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Gleich sibyllischen Blättern verweht, oft halb nur vernommen,
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Tönt herüber zu uns grajischer Hauch, Poesie.
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Sänger gab's vor Homeros, wie Tapfre vor Held Agamemnon,
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Doch die Vergeßnen drängt herrlich der Eine zurück.
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Viel' auch kamen nach ihm, doch überlebt sie der Alte.
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Jener gesellige Chor, welcher die Lyra bespannt,
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Als sich die Freiheit regt' und der schwellende Muth in den Bürgern,
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Hält Wettspiele nicht mehr, glühend in Lieb' und in Streit.
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Krieger und Sänger zugleich, und auch als Sänger noch Krieger,
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Stürmt' Archilochos hin: aber sein Jambengeschoß
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Brach ihm die Zeit; Mimnermos verklagt die enteilende: schmelzend
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Ward in des Weicheren Mund Jugendgenuß Elegie.
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Alkman rühmt' umsonst sich Gastfreund Sparta's, umsonst auch
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Trug Stesichoros Lied großer Heroen Gewicht.
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Ibykos ras'te vor allen in wirbelnden Flammen der Kypris;
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Süßer Anakreon, dich traf mit betäubendem Beil
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Eros, daß du gehoben, wie hoch vom leukadischen Felsen,
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Nieder in's wogende Meer taumeltest, liebeberauscht.
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Aber das holde Verlangen, das allen thaut' in dem Busen,
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Athmet nicht mehr: der Duft floh mit dem Lenze dahin.
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Ewig ist sie verstummt, Alkäos äolische Muse,
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Folgte sie gleich zur Schlacht, trotzte Tyrannen mit ihm.
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Sappho führte den Reihn, geschmückt mit pierischen Rosen,
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Lesbos Wonne, zu der oft mit dem Taubengespann
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Paphia kam, und kos'te mit ihr, vom himmlischen Antlitz
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Lächelnd: doch Hades Neid birgt den melodischen Geist.
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Heil dem Retter Apollo! der attischen Bühne Vollender
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Seh' ich epheubekränzt; rüstig auf hohem Kothurn
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Schreitet der Kühne voran, der, grauser Verhängnisse Spindel
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Rollend, aus alter Nacht rief der Erinnyen Schaar.
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Daß er der ländlichen Satyrn noch spottete! wie sie Prometheus
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Feuerbringend gewarnt: »Rühre nicht, Bock, denn es brennt.«
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Dir auch opfern wir froh, gesegneter Greis von Kolonos!
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Raubte die Zeit dir gleich viel von den Gütern hinweg,
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Führen dich doch zwei Töchter, Antigone stets und Elektra,
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Bis du im heiligen Hain sterblichen Augen entgehst.
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Treibt Aristophanes gaukelnd ein Heer muthwilliger Larven
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Ueber den Schauplatz hin: dennoch entbehren wir dort
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Jenen Erfinder des Spiels, die dorische Stimm' Epicharmos.
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Nur in Sprüchen noch lehrt, einzeln, der sittige Scherz,
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Dem vertrauend Menandros, der Spätling athenischer Anmuth,
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Glykera's üppiger Freund, leiser die Scene betrat.
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Wem Dionysos mit trunkener Wuth die Seele durchblitzte,
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Den gab Pythios frei jedes Gesetzes, und so
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Taumelten festlich entzückt im Flötengetön Dithyramben.
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Auf, Melanippides, denn! oder, Timotheos, du!
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Singe den Orgien vor, Philoxenos! Schweiget die ganze
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Purpurbekleidete Schaar? brausen die Becher nicht mehr?
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Römischen Nachhall nur vernehm' ich vom zarten Gekose,
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Das Philetas ergoß, wann, wie des Bachs Labyrinth
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Irrend und wiederkehrend, der weiche Pentameter fortzog;
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Und Kallimachos auch buhlt in des Umbriers Lied.
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Der süßzaubernd die Dichter bestrickt in Lieb' und die Weisen,
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Du, Hermesianax! schweigen doch alle von dir.
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Aber wir klopfen umsonst an der Vorwelt eherne Pforte:
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Keiner, den Hermes Stab rührete, kehret zurück.
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Nur Traumbilder entflattern von da und Schattengestalten;
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Scheucht auch die nicht fort! laßt sie uns Genien sein!
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Vorwärts strebe der Sinn! Erschafft selbständiges Muthes
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Ueber den Trümmern neu schönere Welten der Kunst!
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Fließet die Sprach' uns nicht, von selbst Melodie, von der Lippe,
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Wiegt kein südlicher Lenz, über dem Muttergefild
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Wehend, uns leicht durch's Leben: so gab uns strenger Erzognen
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Doch den unendlichen Trieb spielender Freude der Gott.
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Dir vertraut' er, o Goethe, der Künstlerweihe Geheimniß,
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Daß du im Heiligthum hütest das Dichtergesetz.
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Lehre denn dichtend, und führe den Weg zum alten Parnassus!
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Wie? du schwindest dem Blick höher empor zum Olymp?
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Wie einst Eos den Liebling, so nimmt im geflügelten Wagen
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Liebend die Muse dich auf, doch sie entreißet dich nicht.
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Schwebend über den Werken der Sterblichen, streuet sie Rosen
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Aus dem Gewölk, des Tags holde Verkündigerin.